Ausstellungsansichten: Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Tobias Rehberger

 

 

NEUER RAUM FÜR KUNST MIT GEMEINSCHAFTSARBEITEN VON MARTIN KIPPENBERGER UND ALBERT OEHLEN SOWIE TOBIAS REHBERGER

 

Wir freuen uns, bekanntgeben zu können, dass das ahg Autohaus seine ehemaligen Räumlichkeiten in der Alten Landstraße 7 in St. Georgen der Sammlung Grässlin zu Verfügung stellt und unsere RÄUME FÜR KUNST somit Zuwachs bekommen haben. In dem neu installierten Raum treffen die Besucher auf die Gemeinschaftsarbeiten Capri bei Nacht (1982), Orgonkiste bei Nacht (1982) und Türe bei Nacht (1982) von Martin Kippenberger und Albert Oehlen sowie auf die Arbeit Kao Ka Moo (2000) von Tobias Rehberger.

Die drei Werke Capri bei Nacht (1982), Orgonkiste bei Nacht (1982) und Türe bei Nacht (1982), die von den beiden Künstlern mit einem Gemisch aus Dispersionsfarbe und Haferflocken bemalt wurden, vereinen die künstlerischen Ansätze von Martin Kippenberger und Albert Oehlen. 

Der Ford Capri ist ein Motiv, dem Kippenberger sich immer wieder bediente, wie beispielsweise in dem Bild Kein Capri bei Nacht, welches das Ensemble der Gemeinschaftswerke von Kippenberger und Oehlen ergänzt. In den 1970er-Jahren galt der Ford Capri als Porsche des kleinen Mannes. Für Martin Kippenberger war er das Angeberauto par excellence, an dem sich die enge Beziehung zwischen dem Glanz und Elend der gesellschaftlichen Zustände manifestierte.

Die Orgonkiste bei Nacht ist ein mit allerlei Mystik aufgeladenes Objekt. Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich postulierte in den 1930er-Jahren die Entdeckung einer als "primordial kosmisch" charakterisierten Energieform, sozusagen eine universelle Lebensenergie in physikalischer Form, die in aller Materie nachweisbar sei. Er taufte sie Orgon. Von der Wissenschaft konnte die Existenz der Orgon-Energie nicht bestätigt werden. Wilhelm Reich, von seiner Entdeckung überzeugt, entwickelte jedoch in der Folge den Orgonakkumulator, eine Kiste aus Holz, ausgekleidet mit Metall, in der diese universelle Lebensenergie gebündelt und wieder abgegeben werden sollte, um so schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs zu heilen. Dementsprechend legte Martin Kippenberger eine Auswahl misslungener Leinwände in die Orgonkiste bei Nacht, die durch die Orgon-Energie geheilt werden sollten. Die Türe bei Nacht, die erstmals in der Tübinger Frauenarztpraxis von Dr. Dacic ausgestellt wurde, ist ein banaler Alltagsgegenstand, der von den Künstlern ebenfalls mit Dispersionsfarbe und Haferflocken überzogen wurde.

Die Verwendung des Dispersions-Haferflocken-Mix ist erstmals in der Serie Farbenlehre (1981) von Albert Oehlen zu finden. In den zweigeteilten Bildern sind jeweils auf den rechten Seiten Mitglieder des Hohen Rates (Sanhedrin) abgebildet, der Jesus zum Tode verurteilte. Die linken Seiten sind abstrakte Farbfelder, in denen der Dispersions-Haferflocken-Mix zur Anwendung kommt. In seinem Text "Das Ende bringt die Wende" von 1984 schreibt Albert Oehlen über seine Farbenlehre: "Die Malerei begann mit der Darstellung von Nahrungsmitteln und höheren Wesen, [...]" Ferner schreibt er, dass Bilder sich immer aus zwei Teilen zusammensetzen würden: "Verrat und Pflichterfüllung", was Oehlen ein paar Sätze später mit der Kreuzigung Jesus Christus gleichsetzt, die unsere Lieblingsgeschichte von Verrat und Pflichterfüllung sei. Gleichzeitig insistiert er, dass Bilder zum großen Teil aus Farbe bestehen, um gegen Ende des Texts den Verrat, der durch die Farbe erst entsteht, zu erläutern und den Bezug zur Verwendung der Dispersionsfarbe herzustellen. "Orange ist als optisches Signal den Rottönen zuzuordnen, vermischt man es aber mit Schwarz, [...], so erreicht man einen unwahrscheinlich schönen Grünton, der sich auf der Farbskala zu Rot verhält, wie Deutschland zu Neuseeland auf dem Globus." Diese Behauptung werde jedoch auf den Bildern der Farbenlehre nicht eingelöst, was aus der Verwendung der Dispersionsfarbe resultiere, da die Behauptung lediglich für Öl bzw. Lackfarbe gültig sei. Das Resümee, das Oehlen daraus zieht, ist die Tatsache, dass man der Farbe nicht trauen könne und der einzige Weg sei zu glauben, was auf der Tube steht und der Farbe "den Platz zuzuweisen, der ihr gebührt: auf der Leinwand." Somit entkräftet Oehlen in seiner Serie den Mythos der Farbenlehre, wie er in der Modernen Malerei propagiert wurde und verrät ihn regelrecht. Gleichzeitig erfüllt er seine Pflicht als Künstler, indem er diese trügerischen Wahrheiten als zumindest teilweise unwahr entlarvt.

Wie lässt sich der Verrat und die damit einhergehende Pflichterfüllung nun aber im Hinblick auf die drei Gemeinschaftsarbeiten mit Dispersions-Haferflocken-Anstrich erklären? Wie Religion oder auch die moderne Malerei sind diese drei Objekte mit allerlei Mythen überfrachtet. Die Strategie der beiden Künstler ist es, diese Mythen mit Hilfe des Anstrichs, der misslungenen Leinwände und im gesamten Zusammenspiel der drei Werke nochmals aufzuladen, um am Ende den gesamte "Inhalt" ins Lächerliche zu ziehen und mit einer gehörigen Portion Ironie die gesamten Mythen, die sie umgeben, in sich zusammenbrechen zu lassen.

Bei Tobias Rehberger steht am Anfang die Frage nach dem Werkbegriff: Was ist ein Kunstwerk bzw. was könnte es sein, woher kommt es und wohin entwickelt es sich, durch was oder durch wen wird es als solches definiert? In komplexen Versuchsanordnungen lotet Rehberger das relationale Verhältnis des Kunstwerks zu seiner Umgebung, seinen Produktions- und Präsentationsbedingungen sowie seiner Rezeption aus. Versatzstücke aus Design, Architektur und Mode dienen ihm ebenso als Arbeitsmaterial wie menschliche Wünsche und Bedürfnisse. Dabei erweitert er den tradierten Werkbegriff um eine interaktive Dimension. Das Übertragen von Gestaltungsaufträgen an dritte, oftmals kunstfremde Personen – und damit auch die Abgabe der Kontrolle bzw. der Verantwortung für das Endprodukt – bilden eine Konstante in seinem Werk, die darauf zielt, Vorstellungen von Autorenschaft und künstlerischem Genie zu hinterfragen oder ad absurdum zu führen. Sein Formenrepertoire speist sich aus Assoziationen und Verweisen, die vom Kanon der Klassischen Moderne und der Nachkriegsmoderne (Henry Moore, Hans Arp, Donald Judd) über Designklassiker (Eero Saarinen, Charles Eames, Verner Panton) bis hin zu aktuellen Moden und Trends reichen, wobei dieser Stilmix weniger als postmoderne Aneignung zu verstehen ist, sondern als persönliche Feldforschung. Über allem liegt ein autobiografischer Impuls. 

Der in den ehemaligen Räumlichkeiten der ahg ausgestellte Porsche 911 ist bei näherer Betrachtung gar kein Serienmodell. Die Nachbauten von Automobilen, die Tobias Rehberger in Thailand herstellen ließ, gehören zu den ambitioniertesten Werken im Rahmen seiner kollaborativ angelegten Projekte. Sie stehen exemplarisch für einen Arbeitsprozess, bei dem Tobias Rehberger seine eigene künstlerische Handschrift zurücknimmt. Bei den Autos handelt es sich meist um kultig aufgeladene Männerträume wie z.B. den Porsche 911, den Mac Laren F1 oder das nie in Serie gegangene Modell eines Mercedes aus den 1970er-Jahren, welches in Rehbergers Jugend als Abbildung in einem Kartenspiel Verbreitung fand. Auch Modelle des VW-Käfers finden sich unter den so entstandenen Repliken. Als Vorlage für die thailändischen Kopien dienen Zeichnungen, die Rehberger aus dem Gedächtnis skizziert, sowie – im Falle der VW-Prototypen – historische Zeichnungen von Ferdinand Porsche und Adolf Hitler. Außer der Vorgabe, dass die Autos maßstabgetreu und fahrtauglich sein sollen, gab es keine Produktionsanweisungen. Rehberger überließ es der Fantasie der Hersteller, die von ihm bewusst einkalkulierten Informationslücken mit eigenen Erkenntnissen und individuellen Vorlieben zu füllen. Dabei interessieren ihn die Brüche und Veränderungen, die bei einer solchen Übersetzung unter dem Einfluss „fremder“ Traditionen und Wertesysteme entstehen. Nichts ist wie es scheint. Missverständnisse werden vom Künstler bewusst in Kauf genommen, ja sogar herausgefordert. Die Resultate dieses kulturellen Transfers sind, wie beispielweise der Kao Ka Moo (2000), skurrile Hybride, halb Auto, halb Skulptur, denen Tobias Rehberger die Namen von thailändischen Gerichten gab.