„Doch wenn ich über mein eigenes Werk sprechen müsste, würde ich sagen, ich bin nicht wirklich am Design oder an der sozialen Funktion von Kunst interessiert. Mich beschäftigt vor allem die Skulptur an sich. Wenn man sich mit Skulptur befasst, versucht man, Dinge mit einzubeziehen, nicht weil sie sozial sind oder etwas mit Design zu tun haben, sondern weil sie interessante Fragen
in Bezug auf die Idee von Skulpur aufwerfen können.“ (Tobias Rehberger)

Wir haben es also nicht nur mit den Dingen an sich zu tun, sondern mit Räumen und Interaktionen, die sie umgeben und aus denen sie hervorgehen, letztlich auch mit den Vorstellungen, die sie generieren. Rehbergers Interesse gilt dem Kontext, der darüber entscheidet, wann etwas auf welche Weise „bedeutungsvoll“ wird, und für wen. Würde man zum Beispiel die Einzelteile
von Lying around... am Strassenrand finden, etwa auf einem Autobahnparkplatz, so fühlte man sich vielleicht an die Wohnungseinrichtungen der siebziger Jahre erinnert und dächte an einen wilden Müllabladeplatz; man hätte den Geruch von Sperrmüll in der Nase. Eine Irritation würde sich wahrscheinlich durch die ordentliche, jedenfalls aber absichtsvoll wirkende Aufstellung der Einzelteile einstellen, umso mehr, wenn auch die Lampe brennen und der Fernseher laufen würde. Erst dann ergäbe sich ein Spalt in der Wahrnehmung, der das Gesehene mit der umgebenden Wirklichkeit nicht zusammenbrächte. Problematisch ist also die Umgebung, nicht das Konglomerat von merkwürdigen Dingen. Denn ganz anders liegen dieselben Dinge, wenn man dem Ensemble im Museumsraum begegnet. Auch hier stellte sich bei dem einen oder anderen Betrachter möglicherweise die gleiche Assoziation an alte Möbel und Sperrmüll ein, und die Seinserklärung dessen, was zu sehen ist, wäre nicht viel weiter fortgeschritten als auf dem Parkplatz zuvor. Aber die absichtsvolle Anordnung von Dingen im Museumsraum liesse keinen anderen
Schluss zu, als dass es sich hier um Kunst handeln muss, ganz gleich, welcher Aussage oder Intention. Allein der Kontext der Präsentation entscheidet dann über die Rezeptionshaltung des Betrachters, ohne dass sich seine intuitive Einschätzung dadurch ändern muss. Er äussert sie nur anders, und er betont sie für sich selbst unterschiedlich. Aus Neugier wird möglicherweise
Ablehnung, aus Nichtbeachtung vielleicht Begeisterung. Was passiert sodann, wenn eine ganze Serie gleichartiger Ensembles auftritt? Jedwede Unsicherheit der Einordnung schwindet zwangsläufig dahin, und die Klassifizierung als Kunstwerk wird durch die schiere Übermacht, die redundante Präsenz erzwungen. Auch das ist eine Strategie Rehbergers.

Tobias Rehberger arbeitet mit der Veränderung der Umwelt, indem er sich ihrer Regeln bedient. Seine Verwendung von Design-und Modeversatzstücken ist nicht eine postmoderne Aneigung oder eine wie immer geartete Form von künstlerischem Zitat, sondern es handelt sich um die Benutzung vorhandener Instrumente, die etwas völlig anderes hervorbringen, das dennoch ver
traut erscheint. Die Dinge Rehbergers sind damit Neuerfindungen von schon bekannten Lösungsmöglichkeiten. Es sind keine Designerstücke, keine alta moda, sondern vollwertige Lebensentwürfe auf der Grundlage des Gewussten, aber ohne Rückgriff darauf. Er sucht einerseits einen neuen Weg zu dem schon definierten Ziel, um so aus einer Form von gestaltender Kreativität
eine tatsächlich poetische Kreativität zu erzeugen.

Die Rolle der Kunst als Ausdruck und Kontrollinstanz von „Lebensdesign“ wird von Rehberger indes konkret umgesetzt. Er nutzt sie als Möglichkeit, die Untiefen und Abgründe unreflektierter Lebensgestaltung zu beschreiben. Zugleich geht es Rehberger auch um die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten solcher Lebensentwürfe, und er verleiht damit einem Verständnis von Toleranz und Weltoffenheit im besten Sinne Ausdruck. Natürlich läuft er so Gefahr, sich den Vorwurf von Beliebigkeit und Oberflächlichkeit machen lassen zu müssen, aber der stets leicht versetzte Rückgriff auf Design-Klassiker aus der Erinnerung als unverhohlenes Rezept der Aneignung ist ein offener Kommentar auf die Vorstellung gesicherter Erkenntnisse über die eigenen Lebensbedingungen.

Ralph Melcher