Heimo Zobernig arbeitet in vielfältigen Medien. Er setzte in den frühen achtziger Jahren bei den nach der Moderne verbliebenen Möglichkeiten der geometrischen Abstraktion an. Zwischen Autonomie und Funktionalität fächern seine Arbeiten die zeitgenössischen Bedingungen der Produktion und Rezeption von Kunst auf. In den achtziger Jahren forderten die Verspieltheiten postmoderner Architektur und die opulente Malerei der Neuen Wilden eine jüngere Generation geradezu zu Reduktion und Versachlichung heraus. Dem Hunger nach mythenschwangeren Bildern steht bei Zobernig eine, wie er selbst sagt, „ziemlich nüchterne, transzendenzlose Sicht auf die Welt“ entgegen. Allein die bevorzugten Materialien, wie unter anderem Pappe, Sperrholz oder Styropor vermitteln, dass es nicht um ewige Werte geht. Auch werden von der Kunst keine Antworten auf große metaphysische Fragen erwartet. Mit Zobernig zeigt sich vielmehr, dass Kunst vor allem anderen durch Zuweisungen und im Zusammenhang gesellschaftlich-funktionaler Bestimmungen definiert wird. Kunst ist wie Sprache ein Kommunikationssystem.

Klarheit, Funktionalität und Pragmatismus kennzeichnen Zobernigs Ansatz, der sich produktiv mit den entsprechenden Traditionen im 20. Jahrhundert auseinander setzt: mit den russischen Konstruktivisten, der niederländischen De Stijl-Bewegung, oder den Züricher Konkreten. Es ist ein Anknüpfen an historische Kunstrichtungen, die eine abstrakte Formensprache entwickelt und sich weitgehend von Kunst als esoterischer, transzendenter, metaphysischer Überbaukonstruktion distanziert haben. Zobernig greift die liegen gebliebenen Stränge der historischen Avantgarde wieder auf und überträgt deren ganzheitlich-gesellschaftlichen Ansatz auf das gegenwärtige kulturelle Feld. So zeigt sich in der häufig lapidar und karg wirkenden Formensprache von Zobernigs Kunst eine enge Verbundenheit mit anderen Bereichen der zeitgenössischen Kultur: mit Musik (von Punk und New Wave bis zu
den Elektronikexperimenten der Wiener Szene), Theater (Zobernig begann seine künstlerische Laufbahn am Theater) sowie mit Dichtung und Design.

Auf den ersten Blick hat Zobernigs reduzierte Formensprache viel mit der amerikanischen Minimal Art gemeinsam. Einfache Kuben, Quader und Stelen erinnern an die Sachlichkeit minimalistischer Werke der sechziger Jahre, an Objekte, die keine weitere Bedeutung haben und nur auf sich selbst verweisen. Programmatisch hat die Minimal Art auf jegliche Titelgebung verzichtet, und
diese Praxis greift Zobernig auf. Alle seine Arbeiten tragen die Bezeichnung Ohne Titel. Die Frage nach der Bedeutung eines Kunstobjektes wird damit offen gelassen beziehungsweise an den Betrachter verwiesen. Ist ein Sockel ein Gebrauchsgegenstand oder eine minimalistische Skulptur? Anders als die Minimal Art nimmt Zobernig keine Setzungen vor, sondern stellt Fragen.
Diese zielen auf die Einsicht ab, dass Kunst vor allem durch Zuweisungen und im Zusammenhang gesellschaftlicher, funktionaler Bestimmungen definiert wird.

Karola Grässlin