Die Arbeiten von Michael Clegg und Martin Guttmann sind eine Fortführung, Erweiterung und Untersuchung der Gattung Porträt mit den Mitteln der Fotografie, Installation, Materialansammlung, des Interviews und Videos.

Die umfangreichste Gruppe im bisherigen Gesamtwerk von Clegg & Guttmann bilden die fotograf ischen Einzel-, Doppel- und Gruppenporträts. Sie folgen dem Typus der Darstellung von Führungskräften wirtschaftlicher und kultureller Institutionen. Drei Arten dieser Porträts lassen sich unterscheiden: zum einen im Auftrag der Porträtierten geschaffene Arbeiten, solche, die auf einer engen Zusammenarbeit zwischen den Dargestellten und den Künstlern beruhen, und fiktive Porträts, in denen Schauspieler auftreten. Das Interesse der Künstler gilt vor allem der Darstellung kollektiver Gefüge und gesellschaftlicher Beziehungen. Aufbauend auf der kunsthistorischen Konvention des Gruppenbildes setzen ihre Porträtfotos soziale Machtverhältnisse über die Codes von Einfluss, Besitz und gesellschaftlichem Status in Szene.

Seit Anfang der neunziger Jahre nimmt das Thema Bücher als Wissens- und Kommunikationsträger einen breiten Raum in ihrer Arbeit ein. Das umfassende Projekt Die öffentliche Bibliothek wendet den Begriff des Porträts ins Prozessuale und zielt auf eine gesellschaftliche Interaktion ab. 1991 wurden an verschiedenen Orten in Graz und später in Hamburg öffentlich zugängliche Bücherschränke aufgestellt. Die Bücher konnten entliehen oder ausgetauscht werden. Die jeweilige Bibliotheksveränderung bildete das Lese- und Kommunikationsverhalten der Bewohner des jeweiligen Stadtteils ab und wurde zum Modell einer weitgehend unreglementierten Kommunikation.

Clegg & Guttmann bleiben als Autoren stets präsent. In Anlehnung an die Vorstellung des malerischen Originals stellen sie nur jeweils einen Abzug ihrer Fotografien her. Die physische Relation zwischen dem Objekt und seiner fotografischen Wiedergabe stellen sie nachdrücklich in Frage, indem sie in mehr oder weniger nachvollziehbarer Weise gestalterisch eingreifen: Die Landschaftsaufnahmen sind aus verschiedenen Landschaftstypen zusammengesetzte Collagen, die Gegenstände ihrer Stillleben wurden mit dem Blick auf ihren Verweischarakter zusammengestellt, der unterschiedliche Grad der Einflussnahme auf die Dargestellten bestimmt die Kategorisierung der Personenporträts. Die vorgenommenen Manipulationen sind Zeichen der Autorenschaft von Clegg & Guttmann. Durch sie lässt sich der Verdacht des Automatismus und der Subjektlosigkeit negieren, der dem Medium Fotografie noch immer anhaftet.

Ein wichtiger Aspekt aller Arbeiten von Clegg & Guttmann ist ihre Kontextbezogenheit, also die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen und sozialen Umfeld, in dem sie entstehen. In diesem Sinne konzipierten sie im Jahre 1991 für die Ausstellung Metropolis in Berlin die Arbeit Politisch-physiognomische Bibliothek, Staatsbibliothek Berlin. Fotos von Bücherregalen aus der politisch-physiognomischen Abteilung der Staatsbibliothek Berlin wurden mit Porträts von Personen aus Politik, Wissenschaft und Kultur, über deren Münder und Augen der Mund und die Augen des damaligen Bürgermeisters Eberhard Diepgen collagiert wurden, in Beziehung gebracht. Der Plenarsaal des Rathauses ist der ideale Ort für diese politisch geprägte Arbeit von Clegg & Guttmann.

 

Karola Grässlin