MEUSER IM KUNSTRAUM GRÄSSLIN

Schon auf dem Vorplatz des KUNSTRAUM GRÄSSLIN wird man von der massiven, mit Löchern durchsetzten und braunem Rostprimer bemalten Stahlskulptur Ohne Titel (2016) begrüßt und erhält einen Eindruck, was einen im Inneren erwartet: Ein Überblick über das Werk von Meuser, der mit Arbeiten aus den 1980er- bis 2000er-Jahren in beiden privaten Sammlungen vertreten ist.

Der in Essen geborene Meuser studierte in den 1960er- und 1970er-Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf bei Erwin Heerich und Joseph Beuys. Die enge Freundschaft mit Imi Knoebel und der Kontakt zu Blinky Palermo hatten großen Einfluss auf das Werk des Künstlers, der sich auch von Bildhauern des russischen Konstruktivismus wie Naum Gabo, Iwan Puni oder Wladimir Tatlin beeindruckt zeigte. 

Erst nach Beendigung seines Studiums begann Meuser Mitte der 1970er-Jahre, seine abstrakt-konstruktive Formensprache zu entwickeln. Wie die Besucherinnen und Besucher beim Betreten des Kunstraums unschwer erkennen können, ist sein Materiallager seither der Schrottplatz. Meusers Skulpturen konstituieren sich aus Versatzteilen und Fundstücken, die aufgrund ihrer Form oder materiellen Beschaffenheit das Interesse des Künstlers bei seinen Streifzügen über den Schrottplatz wecken. Stahl- und Eisenbleche, T-Träger, ausrangierte Lüftungsschächte, Heizkörper und andere Gebrauchsgegenstände, wie beispielsweise eine Waage oder ein Stuhl, werden durch unterschiedliche, oftmals nur minimale Eingriffe, zu skulpturalen Ensembles verarbeitet. 

Durch Zuschnitt, Schweißung, Stauchung, Faltung und die Kombination verschiedener Schrotteile, deren ehemalige Funktion mal mehr, mal weniger nachvollziehbar ist, oder aber auch durch einen farbigen Anstrich mit Mennige oder Ölfarbe wird das Rohmaterial künstlerisch aufbereitet und bekommt neues Leben eingehaucht. 

Die Exponate im KUNSTRAUM GRÄSSLIN führen einem diese Eigenschaften beispielhaft vor Augen. Die Dreilochlösung (2006) besteht aus einem rechteckigem Stahlkasten, dessen Innenleben durch drei Löcher zu sehen ist und einem mit Mennige lackierten T-Träger, der rechtsbündig auf dem Stahlkasten aufliegt. Für die Arbeit Balzac (1983) kombinierte Meuser ein an zahlreichen Stellen gestauchtes Eisenblech, dessen Oberfläche starke Witterungs- und Rostspuren aufweist, mit einer alten, nicht mehr funktionstüchtigen Waage. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit Trümmerfrauen/Extrarente (2015), die aus einem stark verrosteten, mehrmals gefalteten Stück eines ehemaligen Lüftungsschachts besteht. An einigen Stellen war das Material offensichtlich so weit gerostet, dass die Faltungen Löcher und Risse mit organisch anmutenden Linien hinterlassen haben. Gerade die beiden Werke Balzac (1983) und Trümmerfrauen/Extrarente (2015) veranschaulichen außerdem, dass Meusers Arbeiten trotz der Schwere und Massivität des Materials und deren räumlicher Präsenz immer auch sinnlich sind und eine poetische Strahlkraft besitzen. 

Außerdem ist für viele der Skulpturen charakteristisch, dass sie durch ihren Bezug zur Wand auch bildhaft gesehen werden können. Dies gilt insbesondere für Arbeiten wie Ohne Titel (1980), bei der die graue monochrome Kunststoffplatte und eine orange gemalte Linie einen deutlichen Bezug zur Malerei herstellen. Meuser lotet somit auch immer die medialen Grenzen von Skulptur und Malerei und deren historisch eingeschriebene Dimension aus. Besonders eindrucksvoll wird dem Betrachter dieser Aspekt bei Ohne Titel (1988) veranschaulicht. Ein auf einer Stahlplatte festgeschweißter T-Träger ist vor einem eisernen, bühnenartig wirkenden Bildträger aufgestellt, der von Meuser bemalt wurde.

Gleichzeitig ist dem Bildträger aber aufgrund der Massivität und räumlichen Präsenz seines Materials eine Dimension eigen, welche die Grenze zum Skulpturalen übertritt.

Die Verwendung des Schrotts als künstlerisches Material löst die Objekte aus deren einstiger Zweckgebundenheit. Meuser verhindert, dass sie in den Recyclingkreislauf eintreten und ihre Form für immer verlieren. Bernhard Bürgi trifft es im Vorwort des Katalogs zu Meusers Ausstellung 1991 in der Kunsthalle Zürich auf den Punkt, wenn er schreibt: "Meuser ist kein Spurensicherer, der den Erzählungen erinnerter Lebensspuren lauscht; [...] [Er] bedient sich naheliegender, ehemals zweckgebundener Form- und Materialrelikte als einem möglichen strukturellen Vokabular. Dessen abgenutzte Gegebenheiten wie Gestalt, Oberflächenbeschaffenheit, Proportion, Ma[ß] und ihre Relation werden wirkungsvoll umgedeutet in autonome, rein bildnerische Erfahrungen."[1]

Durch die Überführung in den Kunstkontext vollzieht sich eine Umwidmung des Ursprungsmaterials. Diese Umwidmung wird noch durch Titel unterstützt, die zwischen der Banalität eines Kneipenwitzes und bildgebender Poesie schwingen. Die Pommes Schranke (1997) ist ein längliches, rot-weißes Aluminiumrelikt, das farblich und formal an eine Zugschranke erinnert. Der Titel spielt mit einem Augenzwinkern auf die Heimat des Künstlers an, den Ruhrpott, wo Pommes Schranke und Pommes rot-weiß feststehende Begriffe für Pommes mit Ketchup und Mayonnaise sind. Die Arbeit Klotz am Bein (1985), ein raumgreifender, mit Rostprimer lackierter Eisenkasten, auf dem ein T-Träger ähnliches Objekt abgelegt ist, trägt der Tatsache Rechnung, dass manches großformatige Werk für den Sammler auch zur Last werden kann. Die Titel weisen den Skulpturen also nicht nur einen Namen, sondern auch einen neuen semantischen Zusammenhang zu. Die Plastik, durch den Minimalismus vom Darstellungszwang befreit, darf in Meusers Werken also wieder Assoziationen in uns wecken.

 

 

 

 


[1] Bürgi, Bernhard: Vorwort, in: Meuser (Ausst.-Kat. Kunsthalle Zürich, 12. Januar – 10. März 1991), Köln 1991