INTERAKTION UND KONTEMPLATION. FRANZ WEST IM KUNSTRAUM GRÄSSLIN

 

Den Auftakt zur HITPARADE macht im KUNSTRAUM GRÄSSLIN mit Franz West ein wahrer Star, der mit zahlreichen Werken aus allen Schaffensphasen in der Sammlung Grässlin vertreten ist.

Franz West beginnt seine künstlerische Laufbahn im Wien der 1970er-Jahre. Seine Werke sind von der Einsicht getragen, dass jeglicher Absolutheitsanspruch einer vollkommenen, objektiven Erkenntnis der Realität, wie er in der Moderne noch postuliert wurde, nicht zu erreichen ist. Daraus resultierend zeigt sich seine bildhauerische Praxis als Konglomerat verschiedenster Einflüsse, in dessen Zentrum jedoch immer die menschliche Existenz sowie die Existenzbedingungen des Kunstwerks stehen. Inspiration schöpft West bereits in jungen Jahren vor allem aus der Philosophie- und der Kunstgeschichte, aber auch aus der Literatur, der Linguistik sowie aus der Psychologie. Ist die Collage das Medium, das ihn fortwährend in seinem Schaffen begleitet, so kann man sein Gesamtwerk auch als eine Art Collage bezeichnen, in der sich die verschiedenen Gedankenansätze zu einem sehr eigenen, offen gehaltenen Ganzen zusammensetzen. Für den Rezipienten eröffnen Werke des Künstlers immer wieder Spielräume für individuelle Assoziationen und Empfindungen, die Ambiguitäten von Beginn an mit einkalkulieren, wenn nicht geradezu voraussetzen, und so aufzeigen, dass Interpretationen immer auch vom Kontext und der individuellen Betrachtungsweise abhängig und somit variabel sind.

Indem Franz West den Rezipienten zum integralen Bestandteil seiner Werke erklärt, durch dessen Anwesenheit und Interaktion sich diese erst komplettieren, erweitert er außerdem den Kunstbegriff auf radikale Weise und stellt das Konzept des autonom schaffenden Künstlers in Frage, der passive, in sich geschlossene Werke schafft. Die in der Ausstellung vertretenen Passstücke mit Box und Monitor (1996) legen Zeugnis von dieser Arbeitsweise ab und stehen als Werkgruppe am Anfang der bildhauerischen Tätigkeit des Künstlers. Die Passstücke sind tragbare, abstrakte, zumeist weiß bemalte Plastiken aus Pappmaché, die den Rezipienten zur körperlichen Interaktion auffordern und die der Künstler selbst als "Motive[n] für Gesten" bezeichnet hat, die dazu verleiten sollen, "außergewöhnlich zu sein" und das Repertoire an "praktischen Bewegungen" um sinnfreie, "lächerliche" zu erweitern.[1] "Sie bilden den potentiellen Versuch einer Formgebung neurotischer Symptome".[2] Ein Video zeigt beispielhaft die Möglichkeiten auf, wie die Passstücke zu benutzen sind, wobei die Betonung auf beispielhaft liegt, denn schlussendlich ist es jedem selbst überlassen, wie er die Passstücke einsetzt, um seine eigenen körperlichen Grenzen und die eigene Wahrnehmung zu erweitern und zu verändern.

Die verschiedenen Objekte wie Stühle, Lampen, Tische, Diwane oder auch Garderoben, die seit Mitte der 1980er-Jahre entstehen, sind Erweiterungen der Passstücke und wie diese auch als "Gebrauchsobjekte" konzipiert. Durch die Benutzung dieser Werke sollen die Sinneswahrnehmung der Realität, das Unterbewusstsein und somit auch das psychische Befinden des "Benutzers" stimuliert und neue, individuelle Assoziationen und Erkenntnisse über die realitätskonstituierenden Elemente unseres menschlichen Daseins hervorgerufen werden. Parallel zu diesen entstehen die sogenannten "legitimen Skulpturen", von denen mit der Studie nach der Natur (1986) ein Beispiel in der Ausstellung vertreten ist. Diese Skulpturen werden klassisch auf Sockeln oder Podesten präsentiert und treten auf rein visueller, assoziativer oder intellektueller Ebene mit dem Rezipienten in einen Dialog. Über die Jahre gewinnen sie an Größe und münden ab 1997 in den Außenskulpturen aus Aluminium, die mit drei Sitzwusten (2000) auf dem Vorplatz des Kunstraums Grässlin ebenfalls Teil der Ausstellung sind.

Die Installation Wegener Räume 1-6 (1988–1989), die zu den Schlüsselwerken von Franz West zählt, leitet dessen Praxis ein, architektonische Strukturen zur Präsentation seiner Werke zu gestalteten und innerhalb dieser neue und ältere Arbeiten miteinander zu kombinieren. Ausgangspunkt für die Wegener Räume 1-6 war 1988 eine Wiederbegegnung mit dem Galeristen Jürgen Wegner, dem West Ende der 1970er-Jahre einige Arbeiten überlassen hatte. Diese tauschte er wieder zurück, um sie mit aktuellen Exponaten in seiner Ausstellung im Portikus in Frankfurt am Main zu installieren. Ähnlich verfuhr er auch mit den sich in der Sammlung Grässlin befindlichen Wegener Räumen 2/6-5/6 (1988). Durch Überkreuzung zweier Wände schuf West vier voneinander abgetrennte Kompartimente, in denen er jeweils ein Sitzobjekt vor eine Skulptur platzierte und mit einer älteren Papierarbeit kombinierte, die er ebenfalls zurückgetauscht hatte. Teil der Installation ist außerdem ein Text von Ferdinand Schmatz, der die Nachnamen des Galeristen Jürgen Wegner und des Polarforschers Alfred Wegener als Ausgangspunkt nahm, um auf der Assoziationsebene Verbindungen zwischen Wegeners Kontinentalverschiebungstheorie und der in den Wegener Räumen 2/6-5/6 zusammengestellten, sozusagen "verschobenen" Arbeiten zu schaffen. Hier zeigt sich exemplarisch, wie Franz West mit Hilfe von Texten immer wieder auf die Verschiebungen, Ungenauigkeiten und Ambivalenzen aufmerksam macht, die aus der Relativität von Sprache resultieren.

 

 

 


[1] Zit. n. West, Franz: Franz West und Menno Meewis, Wien 1998, in: Gesammelte Gespräche und Interviews, hg. von Johannes Schlebrügge, Ines Turian, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, S. 77

[2] Zit. n. West, Franz, in: FW, 1980, Schrieb 27