Nach einer anfänglich abstrakten Bildsprache wandte sich Vincent Tavenne in den frühen neunziger Jahren dem Problem der realistischen Darstellung zu, von der der Galerist Rüdiger Schöttle einmal behauptete, sie sei die Schwierigste in der Kunst und damit die Königsdisziplin. Ca. 15 cm hohe Rotweinflaschen aus Gips und ein Teller mit einer französischen Nationalspeise aus ungebranntem Ton zierten 1993 die Auslage des Kölner Ausstellungsraumes Friesenwall 120 als französische Ausgaben der ansonsten von Japanern so beliebten Plastikmodelle von Ess- und Trinkwaren. Im vorderen Raum des Ladens dominierte noch die Abstraktion, während im hinteren eine überdimensionale Darstellung von zwei befreundeten Männern vor einer Gebirgslandschaft prangte. Diese besteht aus 64 DIN A4-Blättern, die jeweils einzeln bemalt und später zusammengeklebt wurden. Die Arbeit an den Einzelblättern ließ dabei das gesamte Bild nur erahnen. So aufkommende Störungen, Brechungen und Ungenauigkeiten, die zweckverbunden entstanden sind, wurden zum Mittel, vom Motiv zu abstrahieren. Eine Arbeitsweise, der Vincent Tavenne auch in späteren Papierarbeiten verpflichtet blieb. Die Form der leichten Transportierbarkeit, die Tavennes Zeichnungen, Gouachen und Drucke auf Papier mit ihrem Zusammengesetztsein und den Faltungen haben, hat er bis heute beibehalten und sie bilden auch bei seinen Skulpturen, Zelten, Bronzen und Gipsmodellen einen zentralen Ansatzpunkt.
Die Auseinandersetzung mit Raum, einem ideellen als Architektur gedachten und dem des eigenen Lebensumraums, bildet den Ausgangspunkt für die Zeltskulpturen, die Vincent Tavenne seit 1994 entwirft, zusammennäht und wie real benutzbare nomadische Behausungen ebenso schnell auf- wie abbauen kann. Die imaginativen Zeltformen oszillieren zwischen Skulptur und Architektur und kreisen um den mobilen Charakter des scheinbar statischen Systems der Architektur, thematisieren in ihren offenen Formen und ihrer Begehbarkeit Innen- und Außenraum. Der kontemplativen Abgeschlossenheit im Inneren steht die irritierende Äußerlichkeit gegenüber. Der bewusst povere Charakter der verwendeten Stoffe und Stoffreste sowie die fragile Holzkonstruktion stehen der Dauerhaftigkeit herkömmlicher Skulpturen und Materialien entgegen und tradieren damit die Gattung Skulptur in immer wieder neuen Interpretationen. Sein Formenrepertoire schöpft Tavenne aus dem reichen Fundus der Kunst- und Architekturgeschichte, das vom ritterlichen Schlachtenlager über den satanischen Ordenstempel, von einem kalifornischen Hippie-Domizil über ein Kuppelobjekt à la Buckminster Fuller bis hin zum daVinciesken Flugobjekt reicht. Die Zeltskulpturen eröffnen in ihrer Vielgestaltigkeit Erlebnisräume, die um die sinnliche Erfahrung des menschlichen Körpers kreisen und sich mit dem nomadischen Raumkörper als idealisierte Architektur auseinander setzen.
Karola Grässlin