Vom Lob des Materials und seiner Verwendung

Reinhard Mucha ist zweifelsohne ein Künstler, der sich die unmittelbare Umgebung in den verschiedensten Bereichen der täglichen Wahrnehmung von früher Kindheit an eingeprägt hat: Wohnung, Strasse, Stadt, Stadtrand, besonders den Verkehr und seine übergeordnete Architektur in all ihren Strukturen und Formen bis hin zu konstruktiven und organisatorischen Details. Da er den Beruf des Schmieds erlernte, eine Berufsgattung, zu der ihn womöglich sein besonderes Interesse für die Eisenbahn führte, hat er sich auch stets Gedanken gemacht, wie etwas entsteht, mit welchen Mitteln, aus welchen Überlegungen heraus. Die Lehre in einer Werkstätte, die auch Aufträge für die Eisenbahn ausführte, enthüllte ihm anscheinend ganz selbstverständlich Zusammenhänge des Alltäglichen und war verbunden mit einem Lernen und Wahrnehmen auf allen Ebenen.

Muchas beharrliche Leidenschaft für die Bahn gleicht jener für soziale Systeme. Es ist aber nicht die Leidenschaft eines reinen Theoretikers, sondern die eines Praktikers, der aus unzähligen Beobachtungen und alltäglichen Erfahrungen seine Schlüsse zieht – wie Norbert Elias, der von Gewohnheiten ausgeht, z.B. wie man hier und dort ein Messer hält, eine Kartoffel schneidet oder nicht schneidet. Alles hat seinen Sinn, alles seine Bedeutung. In einer Zeit rasanter Veränderung führt der Verlust von Werten wie auch Neubewertung zu einer räumlichen Geste der Erinnerung, die in sich selbst, fragend, innehält. So paradox das vielleicht angesichts des Werkes von Mucha klingen mag: im Zentrum seines Schaffens steht der Mensch. Der Mensch, der auf den anderen angewiesen ist, auf dessen Handreichung, auf dessen Stimme, der ganz selbstverständlich voraussetzt, dass der andere ihn versteht, die vorhandenen Gegenstände nicht als beliebige einstuft, der weiss, dass sie einem Bereich angehören, in dem sie ihren notwendigen Stellenwert besitzen, und daher geschützt sind, weil sie eine Funktion haben und – wo auch immer sie in Erscheinung treten – auf ihre Funktionszugehörigkeit verweisen. Deshalb sind in all seinen Skulpturen die Elemente stets identifizierbar, und die Betrachtung einer Skulptur, eines Werkes allgemein von Mucha, hat stets von solchen Elementen auszugehen, insofern diese in ihrer form- und materialeigenen Gegebenheit Bild und Struktur des Werkes bestimmen, wie gegensätzlich
auch immer ein solches Werk in bezug auf die verwendeten Elemente in Erscheinung tritt. Wiederum: die Einsichtigkeit der Methode geht nicht von einer Theorie der Skulptur aus, sondern von der Achtung des Materials und, daraus abgeleitet, von der intuitiven Fähigkeit Muchas, auf die funktionale und konstruktionsbedingte Qualität dieses Materials einzugehen.

Die Verwendung von Fundstücken, wie zum Beispiel ausgediente Möbel, aber auch die Verwendung von Material, das Mucha vorfindet oder das man erwerben kann (Stühle, Leitern, Sockel), gehört mit zu dem, was er als Arbeit an einer kollektiven Biografie bezeichnet. Erkennbares wird eingesetzt, Brüche werden im eigenen und im kollektiven Bereich sichtbar gemacht. Erinnerung
funktioniert als das Imaginäre, das bei Mucha die Gegensätze nicht verdeckt, sondern bewusst macht, eben dadurch, dass deren Teile konkret benennbar sind. Und da diese Verweischarakter besitzen, werden sie zu Chiffren, zu plastischen Konstruktionen von Chiffren, die ihrerseits als autonome Gebilde Erinnerungen wachrufen, die tief in die Erfahrungs- und Erlebnisräume eines
jeden einzelnen zu dringen vermögen.

Jean-Christophe Ammann