Es ist charakteristisch für die Arbeiten Michael Beutlers, dass sie in Ausstellungen im Allgemeinen nicht vollständig wahrnehmbar sind. Diese Aussage erscheint zunächst etwas verwunderlich, da seine Installationen, Interventionen und Skulpturen meist Raum füllende Formate haben und darüber hinaus zwar nicht unbedingt die Partizipation, aber doch oft ein besonderes Verhalten vom Betrachter voraussetzen. Dennoch sieht man im Grunde nur einen spezifischen Aggregatzustand der jeweiligen Arbeit, da Entstehungsprozess und die bei jeder Ausstellung unausweichliche Dekonstruktion stets integraler Bestandteil sind. Anders gesagt, ist bei Beutler die sichtbare Form nicht alleinentscheidend. Eher ist sie eine Art temporärer Höhepunkt des vorangehenden Spiels mit den Möglichkeiten von Material und Raum und dessen sozialer Nutzung.
Die Reste einer temporären Werkstatt – zwei eigens vom Künstler für die Massenproduktion der Papierwände entwickelte Tische – und ein übrig gebliebener, obsoleter Stützpfeiler deuten in seiner neuesten, für die Berliner Räume der Galerie Christian Nagel entwickelten Installation A-frame auf eben jenen Entstehungsprozess hin, der Mitarbeiter der Galerie und befreundete Helfer in tagelanger Bastelarbeit vereinte. In St. Georgen fanden diese Tische sofort Verwendung. Es wurden weitere Papierwaben hergestellt, die den weitaus größeren Ausstellungsraum ausfüllen. Produktionsstätte und Konsumort fallen so stets zusammen. Atelier und Galerie, Werk und Raum, sonst einander ausschließende Begriffe, werden bei Beutler zu unscharfen Kategorien, die weder zur Beschreibung seiner Arbeiten noch seiner Arbeitsweise taugen.
Sein seit langem verfolgtes Interesse an der Umwandlung architektonischer Räume, die notwendiger Weise oft hauptamtliche Ausstellungsräume sind, führte in dieser ersten Einzelpräsentation seiner Arbeit in der Galerie Christian Nagel in Berlin zu einer vollständigen Transformation des kühlen white cube in ein intimes, fast gemütliches Zelt. Trotz enger Anlehnung an die architektonischen Vorgaben, die z.B. vorhandene und notwendige Durchgänge respektiert, hat die Installation aus einfachsten Baumarktmaterial – Papier, Stanzprofilen, Pressspanplatten – unzweifelhaft einen autonomen Charakter. Umso mehr, als ihr Querschnitt eher zufällig ein gleichseitiges Dreieck ergibt, das neben dem Kreis und dem Viereck zu den einfach zu beschreibenden, minimalen geometrischen Formen zählt.
Die Ambivalenz zwischen Innen und Außen prägte von Anfang an die Installationen von Michael Beutler. Bereits eine seiner ersten Arbeiten mit dem Titel Whitecubeponderosa, 2000 in Oldenburg gebaut und ausgestellt, bestand aus der Verwandlung eines perfekten weißen Würfels in ein kleines rosa Häuschen im Schrebergartenstil, das sparsam, quasi aus sich selbst heraus, ohne zusätzliche Materialien gebaut wurde. Die sonst im Zusammenhang mit großen Installationen anfallenden Verpackungs- und Bauaufwendungen waren in diesem Fall vollkommen überflüssig. 2004 führte die Auseinandersetzung des Künstlers mit verbreiteten Ausstellungssituationen zu einer weiteren weißen Box (Quadragrotte), die er als prekäre Skulptur auf einem reißenden Fluss verankerte. Nicht so dramatisch inszeniert wie in Solothurn, gibt es dennoch unübersehbare Parallelen zu heute gezeigten Arbeiten. Die liegen einerseits natürlich in der Dekonstruktion architektonischer Rhetoriken, anderseits aber vor allem in der dialogischen Qualität des neu geschaffenen Begegnungsraums A-frame.
Susanne Prinz