„Der Grundvorgang der Neuzeit“ bestehe, so Martin Heidegger, in der „Eroberung der Welt als Bild“. Dabei dachte der Philosoph allerdings weniger an Künstler oder Fotografen als vielmehr an Physiker oder Mediziner. Bereits in den 1930er Jahren sah er voraus, was erst Jahrzehnte später allgemein auffallen sollte: Die Naturwissenschaften sind zu einer großen Bildermaschine geworden: in ihnen wurden, beginnend mit den Röntgengeräten, immer wieder neue Bild gebende Verfahren entwickelt, um sichtbar und anschaulich zu machen, was dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben müsste: Elektronenmikroskope und Ultraschallgeräte, Infrarot- oder Wärmebildkameras, Satelliten und Teleskope generieren ganze Universen an Bildern, die früher
undenkbar gewesen wären. Jede dieser Techniken führt dabei zu einer eigenen Ästhetik und zum Teil sogar schon zu Formen von Stilgeschichte, da sich Skalierungen von Messergebnissen, die in Bilder umgewandelt werden, aber erst recht die Standards analoger und digitaler Speicher- und Wiedergabemedien immer wieder ändern. Auch Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler haben diese Bilder der Naturwissenschaften daher mittlerweile als großes Forschungsgebiet entdeckt.
In der Kunst spielen sie hingegen noch keine große Rolle. So gerne sich viele Künstler von anderen Bildwelten – etwa aus Werbung, Spielfilmen oder Fotojournalismus – anregen lassen, so sehr stehen die technisch generierten Bilder der modernen Apparate bisher eher im Abseits des Interesses. Nicht so bei Markus Oehlen. Wer seine neueren Gemälde betrachtet, gewinnt den Eindruck, zahlreiche Phänomene und Dimensionen der Welt zu erblicken, die nun erstmals mit Hilfe aufwendiger Bild gebender Techniken sichtbar geworden sind. In manchen Bildpartien fühlt man sich an Aufnahmen von Viren und Molekülen erinnert, denkt bei anderen Elementen an das Flimmern von Bildschirmen und deutet Schlieren oder amöbenartige Gebilde als Zeichen
metamorphotischer Prozesse, die sonst unbeobachtet ablaufen. Oft meint man hinter flirrenden Streifen auch noch eine weitere Ebene erkennen zu können und assoziiert wiederum technische Effekte, wie sie sich ergeben, wenn Signale zu schwach sind, um ein klares Bild zu erzeugen, oder wenn eine Bildstörung vorliegt. Auf jeden Fall wird so aber nur nochmals bewusst, dass das, was zu sehen ist, genauso unsichtbar bleiben oder wieder in Nebeln verschwinden könnte. So wird das Sehen-Können als besonderes Glück – als Ausnahmezustand – empfunden.
Markus Oehlen setzt dem Rezipienten also gleichsam zusätzliche Augen ein. In einer Ausstellung mit seinen Gemälden darf man sich reicher mit Sinnesorganen ausgestattet fühlen als üblicherweise. Aber zugleich ist man verunsichert, weiß man doch nicht, wie das neu Sichtbare einzuordnen ist, ja was genau man überhaupt sieht. Damit kommt es zu einer science-fiction-artigen Variante des sogenannten Molyneux-Problems, das im 17. und 18. Jahrhundert viele Philosophen und Wissenschaftler beschäftigte. Es bestand in der Frage, wie ein von Geburt Blinder, der im Erwachsenenalter plötzlich Sehkraft erlangte, die Welt wohl wahrnähme. Eine Mehrheit der Diskutanten mutmaßte dabei, dass die visuelle Wahrnehmung erst gelernt werden müsse und erfahrungsabhängig sei. Statt sich gleich zurechtzufinden, habe ein Neu-Sehender erst mühsam zu entdecken, was die Sinnesreize jeweils
präsentieren. Selbst Gegenstände, die man bereits aus akustischer oder haptischer Erfahrung kenne, müsse man sich mit den Augen nochmals neu aneignen. Ein Betrachter der Bilder Markus Oehlens wird diesen Mutmaßungen recht geben, findet er sich doch in einer ähnlichen Situation wieder: Er darf spekulieren, was sich ihm darbietet, aber er wird sich nie sicher sein, womit er
jenseits der vertrauten Formen und Muster – die auf den Gemälden Oehlens ebenfalls auftauchen – konfrontiert ist.
Die mutmaßliche Wahrnehmungsverschiebung macht deutlich, wie determiniert die Sinneseindrücke sind – und wie unterschiedlich sie sein könnten, wenn der Mensch über andere Organe verfügte oder von noch mehr Technik umgeben wäre. Solche Alternativen zur gegebenen Realität gegenwärtig zu machen, gehört zu den angestammten Aufgaben und Fähigkeiten der Kunst. Durch alle Epochen der Malerei hindurch wurden Möglichkeiten freigespielt, die man davor vielleicht nicht einmal geahnt oder sich höchstens vage vorgestellt hatte: Wie oft wurden nicht Engel und himmlische Sphären, aber ebenso Jüngste Gerichte und Höllenstürze gemalt, die nie jemand wirklich gesehen hatte? Und wie reich ist die Kunstgeschichte nicht an phantastischen und psychedelischen Weltlandschaften, voll mit unbekannten Topographien und bevölkert von undefinierten Wesen? Solche barocken symbolistischen und surrealistischen Traditionen setzen Markus Oehlens Gemälde fort. Sie stehen in einer Wahlverwandtschaft etwa zu Tiepolos Vier Kontinenten (1750) in der Würzburger Residenz, zu den Zyklopen (1914) von Odilon Redon oder zu
Salvador Dalis Apotheose des Dollars (1965).
Das Flimmern, das Oehlen auf seinen Bildern immer wieder erzeugt, lässt zudem an die Op-Art der 1960er Jahre denken. Ging es damals darum, den statischen Bildraum zu dynamisieren, um schließlich die Form des Bildes selbst zu determinieren, soll dasselbe Stilmittel der Malerei diesmal jedoch dabei helfen, die Konkurrenz zu den Bildern zu bestehen, die auf unzähligen
Monitoren erscheinen und die meisten Menschen gefangen halten: Sobald ein Bildschirm zu sehen ist, hat ein Gemälde auf Leinwand normalerweise keine Chance mehr, beachtet oder gar halbwegs ernst genommen zu werden wie das technische Bild. Doch brächte es auch nichts, die Ästhetik der Monitoroberflächen möglichst exakt nachzuahmen: Eine solche Täuschung fiele bald auf und trüge der Malerei um so mehr das Image einer unterlegenen Technik ein. Markus Oehlen geht also anders vor. Er entzaubert nämlich solche Flimmereffekte, indem er vorführt, wie einfach sie zu erzeugen sind. Jeder kann sich bei seinen Bildern mit einem Blick davon überzeugen, dass man dazu nur ein paar rote oder blaue Streifen braucht. Auch van Eyck oder Raffael hätten das schon malen können, und so relativiert sich die vermeintliche Fortschrittlichkeit der Bildschirme.
Wie der Betrachter darüber staunt, was für einen überraschenden Effekt simple Streifen entfalten können, so wird er von Markus Oehlen auch sonst immer wieder auf die vielen Möglichkeiten der Malerei aufmerksam gemacht. Vor allem gelingt es dem Maler, dass man seine Gemälde auch gerne aus der Nähe anschaut, etwa um herauszufinden, wie genau ein Stilmittel erzeugt ist oder
welche Nuancen des Farbauftrags und der Schattierung gewählt wurden. Hier spielt Oehlen die Vorzüge der Malerei genussvoll aus und bietet seinem Publikum damit ein sinnliches Surplus gegenüber Bildschirmoberflächen. Seine Gemälde bestechen, anders als die vieler Zeitgenossen, also nicht bloß durch Fotogenität. Und statt dem Betrachter nur zusätzliche Augen einzusetzen, sind sie immer auch genauso eine Herausforderung für die bereits vorhandenen Augen.
Wolfgang Ullrich