Mit der (Re)Installierung seiner Arbeit Ohne Titel (Every kiss is a goodbye) in einem St. Georgener Ladenlokal markiert Jan Timme die Schnittstelle zwischen dem Außen und dem Innen des Ausstellungsraums und nimmt damit direkt Bezug auf das Konzept der Sammlung Grässlin. Die temporäre Präsentation von Werken aus der Sammlung in leer stehenden Geschäftsräumen erweitert Timme durch einen in seiner reduzierten und fragilen Materialität flüchtig wirkenden Eingriff an den architektonischen Rändern des „Ausstellungraums“ und verweist so auf dessen ursprünglichen Gebrauch: Die Frontscheibe des Ladens, der zu einem größeren Shopping-Komplex gehört, ist fast vollständig mit Buttermilch bestrichen – ein gebräuchliches Verfahren, das bis heute bei der Umgestaltung von Schaufenstern zum Schutz vor neugierigen Blicken Anwendung findet. In dem Auftrag ist eine Silhouette ausgespart, deren Umriss sich auf den ersten Blick nicht zu einem eindeutigen Motiv fassen lässt. Durch dieses „Negativ” ist der dahinter liegende Innenraum einsehbar, ein schmaler Durchgang zum ehemaligen Verkaufsraum, der durch eine dem Schaufenster gegenüberliegende Glastür abgetrennt ist. Auf der ebenfalls gläsernen Fassung über dieser Tür steht in schwarzen Lettern „Every kiss is a goodbye“. Ein Teil des Titels wird hier in Form eines Schriftzugs als Bestandteil der Installation aufgeführt. Der
melancholisch anmutende Abgesang – der Satz ist einem Popsong entnommen – führt allerdings nicht etwa raus, sondern geradewegs ins Innere. Wie zwei sich gegenseitig reflektierende Membrane stehen die mit Buttermilch und Schriftzug markierten Glasflächen in einem Verhältnis zueinander, das sich zum einen räumlich äußert, zum anderen in dem Motiv des Kusses. So diente als
Vorlage für die Silhouette ein Plattencover, auf dem zwei küssende, androgyne Häupter im Profil abgebildet sind. Die Aussparung in der transluzenten Buttermilchschicht kehrt jedoch lediglich eines der beiden Häupter hervor, das geküsste Gegenüber verschwindet in der Umgebung und wird eins mit dieser, in der milchigen Fläche ist es nicht mehr auszumachen. Die Trennung des
Paares führt zu einer neuen Erzählung, in der es auch um eine (Wieder) Vereinigung geht. Die Shilouette trägt ihr Spiegelbild, da die Fensterfront sowohl von innen als auch von außen einsehbar ist, immer schon in sich. Betrachtet man die Form von beiden Seiten, wird sie also zu ihrem eigenen Gegenüber, sie vermählt sich küssend mit sich selbst. Erst die Bewegung der Besucher/innen im Raum, die Änderung der Standpunkte, setzt die Einzelteile zusammen. Wie Musik ist die Installation zeitlich organisiert – darauf verweist sowohl der Titel und dessen Herkunft als auch die des Motivs. Um die sichtbaren und mentalen Ineinander-Spiegelungen der Silhouette, des Schriftzugs und der Umgebung wahrnehmen zu können, muss deren Anordnung
buchstäblich durchlaufen werden. Dabei wird der Berührungspunkt des Kusses zu einem Scharnier, an dem sich das Innen nach Außen und das Außen nach Innen trägt – „Hello, hello I don’t know why you say goodbye I say hello“.

Mirjam Thomann