Ina Weber sammelt Architekturen wie Trophäen. Sie sammelt sie im Vorbeifahren oder im Vorübergehen mit der Kamera ein, um sie dann, zeichnend und aquarellierend, aus ihrem Umfeld und städtischen Kontext heraus zu präparieren wie ein Botaniker die Blüte, die er aus der Masse des Vielen herausheben möchte, oder wie ein Zoologe jenes Insektenauge, das alle Eigenschaften eines anderen Sehens in sich zu bündeln scheint.

Ina Weber ist allerdings keine Romantikerin, wie es durch solche „abweichenden“ Vergleiche womöglich erscheinen mag. Sie ist eher Pragmatikerin, die ihren Sinn für das Bizarre und Poetische von Alltagsarchitekturen einsetzt, um die kulturell oder rational oder funktional oder kontextuell bedingten Eigenheiten gebauten und dekorierten Gestaltungswillens zu fokussieren. Bedingung und Begünstigung ihrer Vogelperspektive auf die urbanen Lebensräume waren ihre Konzertreisen durch Europa mit ihrem
Freund, einem Musiker, und Wohnorte in Frankreich und England.

In ihren Betonarchitekturen sind Beobachtungen der Künstlerin aus vielen Jahren und Ländern, von vielen Reisen und Autofahrten kondensiert. Da gibt es Le Corbusier ähnliche Villen mit den typischen Auffahrten und Außenkaminen; Tankstellen, wie sie die Schnellstraßen aller europäischen Länder säumen; englische Fußballtribünen und ungarische Mineralwasser-Thermen; Schlösschen mit Erkern, wie sie derzeit gerne zur Individualisierung von Neubauten eingesetzt werden. Alles in allem ein Sammelsurium an schlechtem Geschmack, bizarrer Dekorationswut, kalter Funktionalismus-Gläubigkeit, betonierter Folklore und missverstandener Moderne. Dies aber nicht mit der Haltung der empörten Architekturkritikerin vorgeführt, sondern mit einem ungläubig
faszinierten Blick entdeckt und mit viel Sinn für Humor und einem an Martin Kippenberger geschulten, unbestechlichen Witz zusammengetragen zu heiterer und weiterer Verwendung durch den Betrachter. So sind die Arbeiten von Ina Weber in doppeltem Sinne als Metaphern für Mobilität, Geschwindigkeit und eines selbstgewählten Nomadentums zu lesen; sie zitieren die immer
dichter werdende Verflechtung, die Kongruenz von Bauen und Fahren und sie rekurrieren auf die Regeln des Spiels, das die Kunst ist; wer mit den wenigsten Schlägen den Ball über die Bahnen jagt, hat gewonnen.

Die Arbeit Haltestelle und Pacemaker spiegelt in ihrer Ästhetik aus den 70er Jahren die Architektur in der Bahnhofstraße wider und fügt sich somit äußerst harmonisch in ihre Umgebung ein.

Renate Wiehager in: „the space here is everywhere – art with architecture“, Ausstellungskatalog Galerie der Stadt Esslingen, Villa Merkel, Esslingen 1999