Henning Bohls Arbeiten muten wie eine zu Bildern gewordene Poesie an. In einer ganz persönlichen, konzeptuellen Setzung kombiniert er Dinge zu neuen Bildern, die zunächst durch ihre Leichtigkeit, ihre sensiblen, leuchtenden Farben und ihre klare, schnörkellose Form bestechen. Papierbänder über offenen Keilrahmen, Filzstiftgemälde, an Sockel gelehnte Collagen aus Papierschnipseln oder die Applikation auf einem Rosengitter führen Träger und Material auf eine ungewöhnliche Weise vor.

Die hier aufblitzende Frage nach der Konstruktion eines Bildes spielt auch bei den Motiven eine zentrale Rolle: Geometrische Formen, stilisierte Blumen oder Gesichter erscheinen wie Fragmente aus der Kunst und dem Leben und stecken voller Verweise und Anspielungen. Die Figuren und Formen entstehen oftmals aus den Resten, die bei der Produktion der Arbeiten abgefallen zu sein scheinen. So fügen sich über den Umweg des Abfalls die Papierschnipsel oder Filzstiftstriche zu figurativen oder zeichenhaften Elementen zusammen. Auf den ersten Blick scheint das Primitive im Sinne des Wortes auf etwas Primäres zu verweisen, sozusagen auf allererste Bilder. Auf den zweiten Blick scheint es jedoch um das Gegenteil zu gehen: man erkennt aus der Kunstgeschichte stammende, facettenreiche Motive, die vom Teppich von Bayeux bis hin zu Installationen von Mike Kelley reichen, welche Bohl auf spielerische Weise aufgreift und verknüpft. So bilden seine Bilder Projektionsflächen für die langen bunten Schatten, die die Kunst der Vergangenheit in die Gegenwart wirft.

Das Kaleidoskop an Möglichkeiten, Kunst über Gattungsgrenzen und Geografien hinaus als Gestaltungskraft zu erkennen, fängt Bohl mit seinen an Henri Matisse, Sophie Täuber-Arp oder Kurt Schwitters anknüpfenden Formen und Techniken auf. Bohls stupend primitiv und klar aufblitzende Formen gleichen den Silben und Satzfragmenten einer unvollendeten Geschichte.

Seit Jahrzehnten versucht die Kunst, in die Literatur, den Tanz, die Politik, die Straße, in die Arbeitswelt oder die Wohnzimmer hineinzuschlüpfen und sie zu verändern. An diese Entwicklung knüpft Henning Bohl an und setzt sie fort, wobei der Rückspiegel seinen in die Zukunft gerichteten Blick schärft.

Mit The Studio, einer Zeitschrift, die Ende des 19. Jahrhunderts von dem Grenzen und Gattungen überschreitenden Jugendstilkünstler Aubrey Beardsley gegründet wurde, zieht Bohl eine programmatische Publikation als Quelle für facettenreiche Fragestellungen heran. Das Studio als Produktionsort des Künstlers oder Ausgangspunkt für künstlerisches Handeln interessiert ihn
dabei ebenso wie die Verbreitungsmöglichkeiten von Ideen und Ästhetiken oder die Frage nach der Qualität von Kunst, der er anhand von von The Studio durchgeführten Bilder-Wettbewerben nachspürt. Die Zeitschrift schrieb zahlreiche Wettbewerbe in Schriftgestaltung, Architektur und Grafik aus, an denen professionelle sowie autodidaktische Kulturschaffende unter Verwendung
von phantasievollen Pseudonymen teilnahmen. Die ersten beiden Plätze dieser Wettbewerbe wurden mit einem Preisgeld belohnt, wohingegen der dritte Platz nur eine lobende Erwähnung erfuhr. Das Motiv einer dieser „traurigen“ dritten Plätze erfährt in der Ausstellung eine „späte Anerkennung“, indem Henning Bohl dieses als Grundlage für eine neue Serie von Bildern und eine raumbezogene Installation nutzt.

Karola Grässlin und Rita Kersting