Franz West studierte im Klima des Wiener Aktionismus, übernimmt jedoch nicht dessen Inhalte, Exzessivität und Aggressivität. Mit der Körperbezogenheit seiner Kunst und auch mit seinem Interesse am Ausloten psychischen Erlebens schließt er jedoch an eine spezifisch österreichische Tradition an, in deren Reihe auch der Wiener Aktionismus zu sehen ist.

Das Konzept eines in sich abgeschlossenen Kunstobjekts, das lediglich reflektierend zu betrachten wäre, hat Franz West von Anfang an in Frage gestellt und durch ein partizipatorisches Modell ersetzt. Schon seine frühesten, ab Mitte der siebziger Jahre entstehenden plastischen Arbeiten – später als Paßstücke bezeichnete Formgebilde, die jeder seinem Belieben entsprechend in
Relation zum Körper bringen kann – sind Angebote zu einem Dialog, welcher den Rezipienten, der mit diesen Objekten hantieren soll, sogar physisch involviert. Das zunächst aus Papiermaché, dann aus Polyester und schließlich aus Aluminium hergestellte Paßstück ist als Fragment zu verstehen, das der Ergänzung durch eine menschliche Aktion bedarf. Beide zusammen, Paßstück
und Aktion, ergeben erst das Werk. Fotografien und später Videos bieten den Nutzern Orientierungshilfen an. Seit Anfang der achtziger Jahre entstehen Tische, Stühle, Liegen und Sofas als Teil des Werkes. Sie sind Varianten der Paßstücke: Die Betrachter benutzen sie gemäß ihrer Funktion und dennoch deuten Details, wie etwa die provisorische Machart oder eine begrenzte
Bequemlichkeit, daraufhin, dass es sich dabei auch um Skulpturen handelt.

Ab Mitte der achtziger Jahre entstehen dennoch abstrakte, sehr oft informelle Gebilde, die West als „legitime Skulptur“ deklariert und als solche bewusst auf Behelfen wie Sockeln präsentiert. Diese Objekte wollen ebenfalls nicht als in sich ruhende Arbeiten einer kontemplativen Betrachtung verstanden werden, sondern sind wiederum in erster Linie Angebote zu einem Dialog, der nun
aber vornehmlich auf einer gedanklichen Ebene stattzufinden hat. West offeriert sie als Ausgangspunkte und Anreger gedanklicher Reaktionen, zu denen er selbst oft Anstöße in Form von sprachlichen Beigaben liefert, die als Stimulans für Assoziationsketten fungieren können.

Im Rahmen dieses Konzeptes einer „legitimen Skulptur“ sind auch die seit 1996 entstehenden Skulpturen aus Blech und später aus Aluminium für den Außenraum zu sehen. Mit seinen amorphen Skulpturen Wuste, Qulze oder Patzen fordert West sein Publikum dazu auf, die statische Haltung des Gegenübers zu verlassen und die Objekte zu benutzen, um mit bewegtem Körper Bestandteil des Kunstwerks zu werden. Indem diese Arbeiten nun wiederum auch zu einem mit physischer Kontaktaufnahme verbundenen Gebrauch einladen, schlägt West einen Bogen zu seinem ursprünglichen Konzept der Paßstücke bzw. Möbel-Objekte und führt nicht zuletzt vor Augen, dass ein Objekt in seiner Funktion mehrfach besetzt sein kann.

Karola Grässlin