Bollenhut und Avantgarde – Die Sammlerfamilie Grässlin

Die Familie hat sich wohlgeordnet zu einem Gruppenporträt aufgestellt. Man schreibt das Jahr 1993, einen Tag nach Kippenbergers Atelier Einweihung. Der gut situierte Unternehmer mit Familie, dazu die drei Schwestern, z.T. mit Kindern, rechts die Mutter. Im Hintergrund kleine gerahmte Bilder, eine Fototapete mit der ersten Ausstellung im Museum of Modern Art in New York, ein Einfall der Fotografen. Vorne eine Barriere wie bei italienischen Renaissanceporträts, damit die Szenerie eine räumliche Distanz erfährt.

Das große düstere Bild hat etwas von einem niederländischen Gruppenporträt des 17. Jahrhunderts. Feierlich, alle mit dunkler Kleidung. Spanischer Stil im 20. Jahrhundert. Was sagt das große Fototableau über die Sammlerfamilie, was über die Kunst der Zeit, was über die Sammlung aus? Haben wir an die engen familiären Bande und das ungebrochene Selbst-bewusstsein einer Mafia-Familie, an den Unternehmerstolz der Sippe zu denken, oder schwingt da leise Ironie bei den amerikanischen Fotografen Clegg & Guttmann mit? Zwei weitere
Familienporträts der Grässlins tendieren eher zu letzterer Annahme. Vor allem Martin Kippen-bergers Bleitafeln Upside down and turning me. Die sieben Reliefs in den Höhen und Schulter-breiten der Grässlin-Familie und den Habitus von Transportkisten sind „eine unmissverständ-liche groteske Handlungsanweisung“, ein Gruppenporträt als fidele Familiengrabstätte nach dem Song von Diana Ross. Schließlich gibt es noch die Vasenfamilie Tobias Rehbergers, eine den Grässlins gewidmete und auf sie bezogene Installation, die noch nicht beendet ist, lässt auch ohne Blumenschmuck ahnen, welche Vase welcher Person zugeordnet werden muss. Schwarz-wälder Selbstbewusstsein und immer wieder erkämpfte Wohlhabenheit ja, aber keine Sammler-arroganz und keine Profilneurose. Eigentlich werden die Grässlins mit scharfem „S“ geschrieben, aber die Internationalität der Sammlung und der Gebrauch des PC raten das Doppel-„S“ an.

Der Vater, Dieter Grässlin, der 1976 viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde, baut sich nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam eine Existenz als Feinwerktechniker auf. Der unbeugsame Fleiß zeigt Früchte. Während im Hinterzimmer des kleinen Hauses noch Zeitschaltuhren zusammen gebaut werden, plant er bereits den Aufbau einer Kunstsammlung. 1967 lernt er den Künstler Hermann Wiehl kennen, der Otto Dix zu seinem Bekanntenkreis zählt. Dieter Grässlin kauft nicht nur Werke dieses Künstlers, sondern bekommt durch ihn Anschluss an die Kunst. Ende der 60er Jahre wird die erste Kunstausstellung, eine Grafikausstellung von Max Bill in einer kleinen Galerie in Rapperswill, gemeinsam besucht. In St. Georgen bekommen Anna und Dieter Grässlin auch Kontakt mit einem Grafik-Sammler, der sich aus der deutschen Gegenwartskunst bedient und u.a. auch Jahresgaben deutscher Kunstvereine kauft. Der Sammler rät unbedingt zu einem Besuch bei dem Rottweiler Bildhauer Erich Hauser. Hauser nimmt damals einen wichtigen Platz in der deutschen Kunstszene ein. Als Vertreter einer neokonstruktivistischen Richtung hat er einen festen Platz bei den „Kunst am Bau“-Projekten. Außerdem begründet er das Kunstforum Rottweil, das bis heute beachtliche internationale Ausstellungen zeigt. An einem Sonntag fahren Anna und Dieter Grässlin hin, um die Werke Hausers und dessen Sammlung zu sehen, die in einem privaten Skulpturenpark versammelt sind. Anna Grässlin hat diese folgenreiche Begegnung schriftlich festgehalten. Der Künstler stellt sich „Ich bin Hauser“ vor, der St. Georgener Fabrikant antwortet „Ich bin der Grässlin“. Das ist der Anfang einer aufrichtigen und engen Beziehung, ja einer Freundschaft, aus der heraus der Beginn der künftigen Sammlung entsteht. Bei Hauser sieht man erstmals Bilder des deutschen Informel und der Gruppe Zero. Hauser rät Dieter Grässlin zum Aufbau einer Sammlung des deutschen Informel. In den nächsten vier Jahren kauft er vorwiegend bei dem Stuttgarter Galeristen Hans-Jürgen Müller Bilder von Gerhard Hoehme, K. O. Götz, Bernhard Schultze, Emil Schumacher, K. R. H. Sonderborg, K. F. Dahmen, Peter Brüning, Fred Thieler und Carl Buchheister. An französische und amerikanische Kunst dachte das Sammlerehepaar nicht. Man sieht in einer Ulmer Sammlung auch Jean Fautrier, aber zum Kauf kann man sich nicht entschließen. Mit Gerhard Hoehme und K.O. Götz entwickelt sich ein persönlicher Kontakt, der in mehrmaligen Besuchen der Künstler in St. Georgen gipfelt.

Nach dem plötzlichen Tod Dieter Grässlins beschließt Anna Grässlin die Sammlung des deutschen Informels abzurunden. Zusammen mit Hans-Jürgen Müller fliegt der junge Thomas Grässlin 1977 nach Rom, wo sie die Galerie L'Attico besuchen, die damals auch Verträge mit Hoehme, Götz und Buchheister hatte. Bei dieser Gelegenheit lernt er auch den Sohn des Galeristen, Fabio Sargentini, kennen, der sich der Arte Povera verschrieben hatte. In der Galerie sieht Thomas vermeintlich leere farbige Räume, in Wirklichkeit eine Ausstellung von Jannis Kounellis. Er lernt Gino de Domenicis kennen, den exzentrischsten der Artisti Romani. Damit rückt die Arte Povera auch ins Blickfeld der Sammlung Grässlin.

Doch zunächst will man das Informel komplettieren. Schon Dieter Grässlin wollte immer einen Wols in der Sammlung haben. Anna Grässlin fährt 1978 in die Schweiz zum Galeristen Beyeler, wo die größten drei Wols-Bilder aus dem Nachlass auf ihre Käufer warten. Einen sucht sie sich aus, die anderen werden in die Staatsgalerie Stuttgart und ins Museum Ludwig verkauft. Die Familie bekommt vom Galeristen Hans Meyer auch einen Yves Klein zur Ansicht, später über andere Galeriekontakte Bilder von Sigmar Polke, aber man kann sich nicht zum Kauf entschlie-ßen. Immerhin kauft die Familie 1983 das große Schimpftuch Polkes. Doch tut sich der Familien-rat schwer, das einmal eingeschlagene Sammelkonzept so mir nichts, dir nichts zu verlassen. Aber durch die Kontakte mit Müller und Sargentini ermutigt, begibt man sich auf neue Bahnen.

In Stuttgart hat sich um diese Zeit Max Hetzler mit einer Galerie in der Silberburgstraße selbständig gemacht. Er zeigt Klaus Rinke, Ulrich Rückriem, aber auch Mario Merz und Richard Long. Die Grässlins entschließen sich, Arbeiten dieser Künstler zu sammeln. Zwischen 1978 und 1980 werden wichtige Werke von Mario Merz und Kounellis angekauft. Max Hetzler macht Thomas Grässlin mit Konrad Fischer in Düsseldorf bekannt. Ankäufe von Richard Long sind die Folge. Im Jahr seines Abiturs 1978 fliegen Thomas und Bärbel Grässlin mit Hans-Jürgen Müller nach New York. Sie besuchen Leo Castelli, Oil and Steel und John Gibson. Es gibt Begegnungen mit Dennis Oppenheim, Peter Hutchinson, Bill Beckley und David Rabinowitch.

Auch mit dem Œuvre von Joseph Beuys kommen Thomas und Bärbel Grässlin vorübergehend in Berührung. Den Künstler lernen sie anlässlich der Ausstellung Art Allemagne Aujourd'hui 1980 über Klaus Rinke in Paris kenne, wo man beim gemeinsamen Abendessen im engen Kreis in einem Pariser  Restaurant über Unternehmenspolitik spricht. Dieses Gespräch beeinflusste Thomas Grässlin später in der Gestaltung seiner Unternehmensphilosophie. „Ich habe noch nie einen Menschen kennen gelernt mit solch einem Charisma“ sagt Thomas in der Erinnerung. Kurze Zeit später, in Stuttgart, besucht Joseph Beuys die Ausstellung Junge Kunst aus Westdeutschland '81 bei Max Hetzler, wo man, wie sich Bärbel erinnert, gemeinsam frühstückt. Die Preise von Beuys jedoch sind jenseits dessen, was man investieren kann. Beuys ist seit dem Ende der 70er Jahre der teuerste deutsche Künstler. Aber auch einen blutjungen Künstler wie Markus Oehlen lernt Thomas Grässlin in Paris kennen: beim Flippern in einer Bar. Er ist neben Thomas Schütte einer der jungen Teilnehmer der Ausstellung.

1979 findet in Stuttgart durch die Initiative von Ursula Schurr, Max Hetzler und Hans-Jürgen Müller die Ausstellung Europa '79 in Stuttgart statt. Der Anlass: durch glückliche Umstände gelingt es dem Bildhauer und Kunstfunktionär Otto Herbert Hajek, den IX. Internationalen Kunstkongress und die Künstlerbundausstellung, die mit einem hohen Etat ausgestattet ist, nach Stuttgart zu bringen. Die genannten Galeristen wollen diesem offiziellen Statement eine Ausstellung mit jungen europäischen Kunstpositionen entgegen setzen, schon deshalb, weil man das Vakuum, das die Minimal- und Concept-Art hinterließ, spürte. Nach einigem Zögern entschließt sich die Stadt zu einem Zuschuss von 100.000,– DM, der den Startschuss ermöglichte aber hinten und vorne nicht reichte. Die Ausstellung wird zu einem internationalen Ereignis. Als einzige Kunstzeitschrift jedoch berichtet das Kunstforum International exklusiv über Europa '79. Hans-Jürgen Müller schreibt unter dem Titel Warum gerade den? über das Zustandekommen des Projekts: „Nachdem der Zuschuss, gegen den vehementen Einspruch des Kunstvereinsleiter Dr. Osterwold, vom Gemeinderat im April endgültig genehmigt worden war, gingen wir ans Werk. Zunächst wurden etwa 35 westeuropäische Galerien angeschrieben, die in der Vergangenheit bewiesen hatten, dass sie jene unerklärliche und unlernbare Fähigkeit besitzen, geschmäcklerische Spreu vom künstlerischen Weizen trennen zu können.“

Zu den Galeristen Hans-Jürgen Müller, Max Hetzler und Ursula Schurr kommen die Sammler Anna Grässlin und ihr Sohn Thomas, die sich auch finanziell beteiligen. Man bereist systematisch die entsprechenden Länder Österreich, Italien, Schweiz, Spanien, Frankreich, Belgien, Holland, England. Skandinavien scheint wenig ergiebig. Der Osten klammert sich von alleine aus. Die intensive Reise ist die Feuertaufe von Thomas Grässlin, der Einstieg, wie er sagt, in die 80er Jahre. Und der Untertitel der Ausstellung heißt beinahe blasphemisch: Kunst der 80er Jahre. Denn diese haben noch nicht angefangen. Noch kennen die Grässlins Martin Kippen-berger und Albert Oehlen nicht, die einmal zu den Wichtigsten der 80er Jahre gehören werden. Kippenberger treibt sich um diese Zeit in Berlin herum, Oehlen in Hamburg. Zwar besucht Max Hetzler Kippenberger in Berlin, doch es gibt von ihm, dem Entertainer, kaum Arbeiten. Noch ist man bei den Mythen und vor allem bei den italienischen, die von der neuen Arte Cifra, Enzo Cucchi, Francesco Clemente, Sandro Chia, noch Seite an Seite mit der späteren so genannten Scuola Romana, Bruno Ceccobelli, Domenico Bianchi, Giuseppe Gallo gezeigt werden. Auch die westlich kühleren, manchmal auch pragmatischen Deutschen mit einer Tradition von Beuys, Palermo und Nauman sind dabei, und von denen, die Eingang in die Sammlung Grässlin und die Kunst der 80er Jahre finden werden: Reinhard Mucha, Isa Genzken und Günther Förg.

Das Titelbild des Kunstforum International zeigt Nino Longobardis bekannt gewordenes Tigerfell, das halb am Boden halb an der Wand ausgebreitet ist. Die Streifen setzen sich sporadisch in Malerei fort. Die Arbeit gäbe es nicht, hätte der Künstler nicht in einer Auslage gesehen und Thomas Grässlin es gekauft. Jürgen Hohmeyer vom Spiegel schrieb anerkennend: „So wäre Longobardis Tiger-Werk nicht möglich geworden, hätte nicht auf Müllers Zureden ein süddeutscher Sammler es blind gebucht.“ Ein symbolisches Werk der Zeit, die über den Umweg der Mythenbildung den Umbruch von Konzeptkunst in die Malerei und Skulptur finden wird; eine Rückversicherung der konzeptionellen Kunst in den Gegenstand und die Skulptur als Ready Made und in die Geste als malerischem Akt. Das allerdings konnte man erst in den 90er Jahren entdecken.

Langsam fängt nun der Galerist Max Hetzler an, sein Programm auf junge Künstler umzustellen. Nachdem Europa '79  in den Räumen der Schwabstraße 2 stattgefunden hatte, beziehen die Galeristen Schurr und Hetzler das Haus links vor'm Schwabtunnel, wie es so prägnant in der Zeitschriftenannonce heißt. Die junge Tanja Grunert geht mit ihrer Galerie in das Keller-geschoss. Bärbel Grässlin, die zuvor Assistentin der Galeristin Ursula Schurr im gleichen Haus war, wechselt zu Max Hetzler, wo sie 1981 Gesellschafterin der Max-Ulrich Hetzler GmbH wird. Im gleichen Jahr findet dort die Ausstellung statt, die großen Teilen das Programm von Max Hetzler, aber auch der Sammlung Grässlin ausmachen wird: Junge Kunst aus Westdeutschland '81. Während Paul Maenz im Triumph die italienische Transavantguardia und die Mülheimer Freiheit als neuen Zeitgeist aufmarschieren lässt, nur Durchlauferhitzer, wie man später sehen wird, nimmt Hetzler zu den Positionen, die er für Europa '79 nominiert hatte – Günther Förg, Isa Genzken, Reinhard Mucha, Günter Tuzina sowie Eva-Maria Schön, Isolde Wawrin und Hinrich Weidemann kritische neue Malerei hinzu, deren konzeptueller Ansatz sich in ihrer Sprödigkeit und Ironie widerspiegelt: Michael Bauch, Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Markus Oehlen. Künstler der Galerie, die gerade mal Mitte Dreißig sind, schlagen die Mitte-Zwanzigjährigen vor. Klaus Rinke benennt aus seiner Klasse Reinhard Mucha und Jürgen Drescher, Ulrich Rückriem aus Hamburg Werner Büttner und Albert Oehlen. Platino, der den legendären Katalog wie ein Schulheft mit rotem Plastikeinband gestaltet, ist wie Weidemann Stuttgarter.

Die Ausstellung war die Initialzündung für die Geschwister Grässlin, sich für gleichaltrige Künstler zu engagieren. Eine größere Reihe von Werken wurde aufgekauft, so aus Albert Oehlens Mode Nervo-Serie, Bilder von Ameisen, die über einen Regenwurm herfallen. Gemein-schaftsarbeiten von Martin Kippenberger mit Albert Oehlen, einen Block von Büttners Desastres de la Democracía, ein Batikbild von Markus Oehlen und Muchas große Schriftinstallation Ohne Titel (Männer/Frauen). Als die jungen Grässlins voller Stolz Albert Oehlens Bild Wattenläufer ins Wohnzimmer hängten, stand ihre Mutter, gerade mal an das Informel gewohnt, Kopf.

Martin Kippenberger, der Autodidakt, hat noch nicht viele Bilder gemalt, fühlt sich noch mehr als konzeptueller Künstler. In Berlin-Kreuzberg, wo er am Segitzdamm Kippenbergers Büro betreibt, lernt er über Veranstaltungen, die er organisiert, Georg Herold, Werner Büttner, Albert und Markus Oehlen kennen, aber auch Walter Dahn, Elvira Bach, Achim Duchow, Uwe Gabriel, Thomas Wachweger und Ina Barfuss sowie Tabea Blumenstein und die Musiker Rüdiger Carl und Sven-Åke Johansson. Meuser erzählt von einem Berlinaufenthalt dieser Zeit, er habe Kippenberger einmal zu einem Besuch der Nationalgalerie überredet. Dort habe man ein graues Bild von Elsworth Kelly bewundert. Im Museumscafé fing Kippenberger mit lauter Stimme an, so penetrant zu erzählen, er wolle jetzt graue Bilder malen, die noch viel besser seien, dass alle anderen Gäste das Lokal verlassen hätten. Aus dieser Zeit von 1980 gibt es aus dem Düssel-dorfer Atelier von Meuser ein Foto, das Kippenberger in grotesker Haltung in einer Skulptur stehend als Yogi zeigt. Titel: Gehobenes Statistenprogramm – besser als Asmagruppe. Auch diese Arbeit befindet sich heute in der Sammlung Grässlin. Im Künstlerhaus Hamburg sieht man sich bei der Aktion Pisskrücke wieder.

Albert und Markus Oehlen waren zuvor, im März 1981, zusammen mit Kippenberger bei der Rundschau Deutschland in der Lothringerstraße München vertreten. Später taucht das Trio, ergänzt durch Werner Büttner, in Berlin bei der Ausstellung Gefühl und Härte auf. Da werden verschieden Positionen gemischt: zu Albert und Markus Oehlen kommen etwa Hermann Pitz und Bogomir Ecker sowie Astrid Klein mit einem Raum voller Fliegenfänger. Hier sehen Bärbel Grässlin und Max Hetzler zum ersten Mal die kleinen Betonhäuser des Hamburger Bildhauers Hubert Kiecol. Sie sind total begeistert. Bald darauf erhält Kiecol seine erste Einzelausstellung in Stuttgart.

Als Max Hetzer Arbeiten von Martin Kippenberger sehen will, kommt dieser zusammen mit seinem Freund Schaechtele im gemieteten Lastwagen voller Bilder aus Italien, die Kippen-berger in der Nähe von Siena gemalt hatte. Da Kippenberger aus Florenz anruft, um seinen Besuch in Stuttgart anzukündigen, hat Bärbel Grässlin den Eindruck, der Künstler habe das Villa-Romana-Stipendium. Kippenbergers Besuch in der Galerie Hetzler hatte zur Folge, dass er noch im September des gleichen Jahres, 1981, seine erste Einzelausstellung bekommt. Auf der Einladungskarte steht: Ein Erfolgsgeheimnis des A. Onassis, auf der Rückseite: Bilder von Hans Siebert 'investieren Sie in Öl ! ' . Die gezeigten Bilder sind jedoch die, die er in Siena gemalt hat. Man erkennt z.B. das zweiteilige Bild Alkoholfolter. Zur Freude aller werden tatsächlich einige Bilder verkauft. Die wenigen Käufer und Sammler sind die Grässlins, Hans-Jürgen Müller, Uli Knecht, Helmut Metzger aus Essen, Axel und Heidrun Zwach sowie der junge Helmut Seiler aus Augsburg. Martin Kippenberger, froh, endlich einen Galeristen gefunden zu haben, will in Stuttgart bleiben. Als Kippenberger in Stuttgart eintrifft, überredet ihn Max Hetzler, von Berlin wegzuziehen. Die Grässlins besorgen ihm Wohnung und Atelier in der Winterbergstraße in St. Georgen, wo er sich ganz der Arbeit widmen und von den Suchtgefahren der Großstadt erholen kann. Max Hetzler „sucht“ jedoch auch jemand, mit dem er ab und zu „ein Bier trinken“ kann.

In St. Georgen bereitet Kippenberger seine zweite Einzelausstellung Ende Februar 1982 im Forum Kunst Rottweil vor: Das Sahara- und Antisahara-Programm/Das Leben ist hart und ungerecht. Das Plakat zur Ausstellung zeigt den selbstbewussten jungen Künstler nicht ohne Absicht vor der großen schneebedeckten Skulptur de Rottweiler Stars Erich Hauser, die im Auftrag der Familie Grässlin noch heute vor deren Firmengebäude in St. Georgen steht. Passend zum winterlichen und künstlerischem Ambiente hat sich das Enfant terrible den Filz-anzug von Beuys übergestreift. In Rottweil zeigt Kippenberger die Serie Bekannt durch Film, Funk, Fernsehen und Polizeirufsäulen. Sie wird von den Grässlins angekauft. Kleine merk-würdige karikaturenhafte Prominentenporträts in verschiedenen Stilen, die malerisch gesehen teilweise noch dilettantisch wirken, teilweise mit ihrem Mutterwitz und den Aufschriften den späteren Stil verraten. Etwa Loki Schmidt mit dem Satz Lasst Unkraut wachen oder Arafat hat das Rasieren satt mit aufgeklebten spiegelverkehrten Lettern.

Auch die Serien Form und Farbe, Fünfzehn Beine, trotzdem alleine und Berlin bei Nacht (darunter eines seiner ersten Selbstporträts) bleiben bei Grässlins. Künstlerfreund Meuser wird zur Namensfindung der Serie eigens von Düsseldorf nach Stuttgart beordert. So lernen auch Thomas und Bärbel den späteren Hetzler- und Grässlin-Künstler kennen, mit dem sie noch heute eine herzliche Freundschaft verbindet. Später hat Karola Grässlin den Kippenberger-Titel Neid und Gier, das ist mein Bier erdacht. Die ganze Reihe diese kleinen Bilder sind bereits in St. Georgen gemalt und beschäftigen sich z.T. mit dem Lokalkolorit des Städtchens: darunter dem modernen Dorfbrunnen und der alten Mühle im Besitz der Grässlins oder deren Carrera-bahn, die ihm dann endlich zum 40. Geburtstag geschenkt wird. Karola Grässlin erinnert sich, und Fotos belegen es: Zum Weihnachtsfest 1981 hatte Kippenberger die frisch gemalten Bilder in das Haus Klosterbergstraße geschleppt und im Wohnzimmer aufgehängt, um daraus Serien zusammenzustellen. Alles roch nach Ölfarbe.

Im Forum Kunst Rottweil stellen danach kurz hintereinander auch Albert Oehlen, Markus Oehlen, Hubert Kiecol und Isa Genzken aus. 1982 bezieht Martin Kippenberger das Keller-geschoss der Schwabstraße unter der Hetzler-Galerie und überredet den Boutiquenkönig und Sammler Uli Knecht, ihm seine Garage als Atelier zur Verfügung zu stellen. Aus einer intensiven Zusammenarbeit mit Albert Oehlen entstehen 1982 drei Skulpturen, die in drei verschiedenen Ausstellungen im Ländle gezeigt werden: bei Max Hetzler die Ausstellung Kiste Orgon bei Nacht, also Wilhelm Reichs Orgonkiste nach dessen Gebrauchsanleitung, bei Tanja Grunert, inzwi-schen in der Gutenbergstraße, Capri bei Nacht und bei dem Tübinger Frauenarzt Dr. Dacic Türe bei Nacht. Der Ford Capri als Angeberauto des kleinen Mannes ist auch schon zuvor beliebtes Bildthema Kippenbergers. Albert Oehlen bemalte die Objekte nach seiner Farbenlehre mit Körperfarben, in die das organische Material Haferflocke eingerührt ist. Alle drei Kunstobjekte sowie die gesamte Serie der Farbenlehre von Albert Oehlen landen in der Sammlung in St. Georgen.

Günther Förg, der ursprünglich bei der Galerie Ursula Schurr ausstellt, aber mit Max Hetzler und Bärbel Grässlin schon seit 1979 bekannt ist, klinkt sich ebenfalls ein. Kippenberger malt 1982 Förg, Förg konterfeit im Rahmen seiner Porträts auf gestreiften Aluplatten auch Martin Kippenberger. Neben anderen Galeristen, Sammlern und Freunden porträtiert Günther Förg 1983 auch Bärbel Grässlin. Ein gewürfeltes Muster ist neben zwei übereinander gestellten Porträts zu sehen. 1984 leiht die Familie Grässlin für die Ausstellung von hier aus in Düsseldorf Albert Oehlens Serie Farbenlehre aus. Beim Besuch der Show in den Messehallen ist die Familie von Reinhard Muchas Arbeit Der Bau so fasziniert, dass sie diese für die Sammlung ankauft. Bei mehreren Aufenthalten Muchas im Schwarzwald unternimmt man gemeinsam abenteuerliche Tunnelspaziergänge auf der berühmten Schwarzwaldbahn und der Strategischen Bahn bei Schaffhausen.

Als Max Hetzler nach Köln zieht, hat Martin Kippenberger schon seine Wohnung am Friesen-platz bezogen. Bärbel Grässlin eröffnet 1985 in Frankfurt/M eine eigene Galerie, die sie dann zeitweise mit Heinrich Ehrhardt betreibt. Eine der ersten Ausstellungen Kippenbergers heißt Money Forever (Hunger), in der Martin Kippenberger als zentrale Arbeit die Skulpturengruppe Familie Hunger zeigt. Die Idee der Henry-Moore-artigen modernen Plastik im Stil der 50er Jahre (durch die Skulptur in Hitchcock's Fenster zum Hof untermauert) wird zum Spagat zwischen Geld, sozialem Elend, Familie und Avantgarde (das Loch in der Mitte). Der Großteil der Installa-tion geht in den Besitz der Sammlung Grässlin über. Aber auch die gleichzeitig bei Heinrich Ehrhardt gezeigten Entwürfe für Müttergenesungswerke finden Gefallen. Der Entwurf für ein Verwaltungsgebäude für Müttergenesungswerk in Paderborn, übereinander gestapelte Paletten, findet, trotz anfänglichem Protest von Mutter Anna, seinen Platz im Schwarzwald. Zwischen Baumarkt und Ready Made klafft ein großer Graben, den der Kunstsammler überspringen muss. 1986 stellt Günther Förg im Westfälischen Kunstverein Münster aus. Er zeigt eine speziell für den Raum konzipierte Ausstellung mit Wandmalerei sowie neun großformatige Fotoarbeiten und Spiegel. Die Ausstellung wird komplett für die Sammlung erworben.

In das Frankfurter Galeristenprogramm kommen – neben den aus der Zusammenarbeit mit Hetzler bekannten Künstlern Martin Kippenberger, Albert und Markus Oehlen, Hubert Kiecol, Werner Büttner, Günther Förg, Reinhard Mucha und Meuser – Christa Näher und Helmut Dorner hinzu, die ebenfalls mit Arbeiten in der Grässlin-Sammlung ihren Platz finden. Aus dem Programm von Heinrich Ehrhardt fließen Imi Knoebel und Dan Flavin ein. Später stellen auch Asta Gröting, Manuel Ocampo und Tobias Rehberger aus, die als neuere Positionen die  Sammlung zu verjüngen helfen. Das St. Georgener Sammlungskonzept wird in den 90er Jahren nicht wesentlich erweitert, nicht alle Künstlerinnen und Künstler des Galerieprogramms finden Eingang in die Sammlung. Jedoch entschließt man sich noch rechtzeitig für einen Künstler, von dem man auch wichtige Werke erwirbt: Franz West. 1988 kauft man als erste große Arbeit die Wegener-Räume 2/6–5/6 aus einer Ausstellung der Galerie Peter Pakesch in Wien. Mir Herbert Brandl stellt West dann erstmals 1989 in Frankfurt aus. Wie Kippenberger erhält er dann in Frankfurt an der Städelschule eine Gastprofessur, wodurch der Kontakt mit Bärbel Grässlin noch enger wird. West ist mit seiner Philosophie des Vertrackten, den Gestalt werdenden Redewendungen und dem scharfsichtigen Wiener Salon-Dadaismus der kongeniale Antipode Kippenbergers. Jeff Koons, Richard Prince, Mike Kelley und andere amerikanische Künstler werden zwar als sammlungswürdig erwogen, man entscheidet sich jedoch hauptsächlich aus finanziellen Gründen, die Sammlung nicht international auszuweiten. Dadurch konnte man die Künstler der Sammlung intensiv weitersammeln.

Inzwischen hat Karola Grässlin, die jüngste Tochter, ihr Studium der Kunstgeschichte in München beendet. Sie arbeitet zunächst als Assistentin im Team von Christos Joachimides, der die Großausstellung Metropolis in Berlin vorbereitet. 1991 wird diese eröffnet, und die Familie Grässlin erwirbt dort die Arbeit Political-Physiognomical Library, eine Installation mit 27 Fotoarbeiten der amerikanischen Künstler Clegg & Guttmann. Auf einer Postkarte mit der Grässlinschen Mühle in St. Georgen posiert sie in Schwarzwälder Tracht mit Bollenhut. Dies veranlasst später den amerikanischen Fotografen Christopher Williams zu einer dreiteiligen Fotoarbeit über das Schwarzwälder Signet, das die Gutacher Frauen als Pestabwehr trugen. Der Kontakt Karolas zur aktuellen Kunstszene ist nicht nur durch die Familie und den dortigen Künstlerumgang geprägt. In München ist es die Galerie Christoph Dürr, in der Christian Nagel und sein Partner Matthias Buck nicht nur Kippenberger, Herold und Förg zeigen, sondern sich jüngeren Künstlern wie Fareed Armaly, Clegg & Guttmann, Michael Krebber oder Heimo Zobernig widmen. 1991 eröffnet Christian Nagel mit der ersten Einzelausstellung von Cosima von Bonin seine Galerie in Köln. Dies markiert den Beginn der Sammlung von Karola Grässlin. In der Ludwigstraße leitet sie zu Beginn der 90er Jahre den Non-Profit-Kunstraum Daxer, den der Münchner Antiquitätenhändler Hanns Daxer großzügig finanziert. Karola zeigt dort Tendenzen der 80er und 90er Jahre. Wie bei der Familiensammlung konzentriert sie sich auf wenige Künstler und Künstlerinnen mit dem Unterschied, dass sie sich der Kunst der 90er Jahre zuwendet. Aus jeder wichtigen Schaffensphase werden Arbeiten zusammengetragen, und zwar mit dem Schwerpunkt auf die folgenden Künstler: Kai Althoff, Cosima von Bonin, Mark Dion, Michael Krebber, Hans-Jörg Mayer, Christian Philipp Müller, Joseph Zeherer und Heima Zobernig. Zu den Hetzler-Boys und dem Wiener Schmäh kommt nun auch noch Kontext-Kunst.

1992 sucht Martin Kippenberger wieder einmal Atelier und Lager. Tatsächlich findet sich eine ehemalige Schreinerei in St. Georgen, in die sich der Künstler zurückzieht, um an den Vorbereitungen zu seinem bislang größten Werk The Happy End of Franz Kafka's 'Amerika' zu arbeiten. Er ist natürlich nun auch in der Klosterbergstraße präsent, wo er – auf der Suche nach Familienanschluss – sich von Anna Grässlin bekochen lässt und mitunter auch den Fernseher blockiert, so dass ihn Sabines Tochter Katharina als „Hausbesetzer“ tituliert. Nachgetaner Arbeit im Atelier zieht es den Künstler in die Lokale St. Georgens, zur „Griechin“, zum „Italiener“ und später ins „Nachtcafé“. Sabine Grässlin begleitet ihn oft und darf, auch wenn es spät wird, nicht nach Hause gehen. Für jede halbe Stunde, die sie länger bleibt, verspricht er ihr ein halbes Bild. Seit dieser Zeit sammelt sie selbst Multiples, vorrangig von Kippenberger, und steht ihm auch bei der Realisierung einiger Multiples, wie etwa den drei Frankfurter Klovorlegern und Hoff-manns Stärke, zur Seite. Während dieser Zeit kommen auch Kippenbergers ehemalige Städel-studenten zu verschiedenen Feierlichkeiten in Kippenbergers Atelier nach St. Georgen. Unter ihnen ist Tobias Rehberger, der mit seinen künstlerischen Werken in der Sammlung und als Freund der Familie einen festen Platz haben wird.

Krönender Höhepunkt von Kippenbergers Schwarzwald-Connection und wichtiger Moment für die Sammlung wird der vierzigste Geburtstag Kippis am 25. Februar 1993. Die Festlichkeiten im schneebedecktem St. Georgen dauern fast drei Tage. Ein Empfang im Hause Anna Grässlin in der Klosterbergstraße ist der offizielle Beginn. Später besichtigt man das Atelier Kippenbergers und das Döbele sowie das Haus von Thomas und Sabine, wo Teile der Kippenberger-Samm-lung Grässlin, Bemühungswerke, wie sie der Künstler nennt, aufgebaut sind. Darunter sieht man den Birkenwald und Familie Hunger, schwitzend in der Sauna sitzend. Kippenberger integriert in seine Installationen auch immer wichtige Werke befreundeter Künstler aus der Sammlung, wie z.B. den Schlot von Georg Herold. Am Abend ist Dinner und Tanz im Stadthof Unterkirnach. Karola muss, so der Wunsch des Jubilars, in der Tracht der Urgroßmutter erscheinen – mit Bollenhut. Es entsteht ein Gruppenfoto aller Gäste, das später als Einladungs-karte für Kippenbergers Ausstellung im Centre Pompidou verwendet wird. Die Feierlichkeiten enden mit einem Frühshopping im Café Kammerer. Aus diesem Anlass heraus verlegt die Familie das in Tannengrün gedruckte Buch Kippenberger fanden wir schon immer gut.

Am 15. März 1994 feiert Werner Büttner seinen 40. Geburtstag. Auch dieses historische Datum wird im Schwarzwald gewürdigt. Wieder werden bei Anna Grässlin am Klosterberg, im Döbele, bei Sabine und Thomas Grässlin Arbeiten des Künstlers präsentiert. Abends wird im Hotel Wehrle in Triberg gefeiert. Gemeinsam mit Werner Büttner wird das Buch „Heimspiel“ mit allen Werken des Malers aus der Sammlung Grässlin erarbeitet. Thomas, der Büchernarr, plant, die Sammlungsmonografien aller in der Sammlung vertretenen Künstler weiterzuführen.

Das hier nur mit einigen Highlights skizzierte Schwarzwaldprojekt ist natürlich noch lange nicht zu Ende. Die Frage der künftigen Location auch nicht. Kleine Teile wurden im Mamco Genf gezeigt und sind derzeit im Abteibergmuseum Mönchengladbach, vor allem aber im Sammler-museum im ZKM Karlsruhe zu sehen. Besonders originell sind die zeitweiligen Präsentationen in leeren Schaufenstern und einsehbaren Geschäften in St. Georgen. Doch eines steht fest. Die Sammlung ist mehr als ihre Präsentation. Als Sammlung der 80er Jahre ist sie ein Familien-unternehmen geblieben – mit der Präzision und der Solidität der Schaltuhren, die ihre Firma produziert. Fast bei jeder Ausstellung der gesammelten Künstler ist ein Familienmitglied, manchmal sogar die ganze Familie anwesend. Vielleicht kamen die 80er Jahre mit ihrem verdinglichten Kunstbegriff der Sammlung gerade recht. Da musste man keine Diskussionen
über den Warencharakter von Kunst führen, wenn die Künstler als Wesen von Fleisch und Blut präsent waren. Vom Informel, der letzten Bildidee der Avantgarde, konnte man mühelos die Brücke zur gefrorenen Konzeptualität in den Bildern und Skulpturenarrangements der post-modernen 80er schlagen. Aus Argwohn gegenüber Ausländischen, Amerikanischen, ja Preußischen blieb man, wo es möglich war, in Süddeutschland. Am Ende war die Askese Gewinn und die Schwarzwälder Langsamkeit Triumph. Die Konzentration auf miteinander befreundete Künstler, der Mangel an akademischer Zurückhaltung vor der noch nicht abgesicherten Jungtruppe und das Sympathisantentum mit ihnen macht heute den Wert der Grässlin-Sammlung aus.

Veit Loers, 2001